Telmo Pires – Verstand und Sinnlichkeit am Tejo

Telmo Pires
“Através Do Fado”

Portugal 2020
10 Tracks; 35:28 min
Traumton Records
www.telmopires.pt

 

Fado lebt einzig und allein von der Wahrhaftigkeit des eigenen Gefühls. Kaum ein Vertreter dieses bedeutendsten musikalischen Seelenschaufensters Portugals hat dieses Empfinden so verinnerlicht, wie Telmo Pires. In Bragança im Norden Portugals geboren, wanderte er mit seinen Eltern früh ins Ruhrgebiet ein, lebte lange in Berlin und kehrte schließlich heim an den Ort, der für den Fado Ausgangspunkt und Schicksal gleichermaßen darstellt: Lissabon.
Zehn Jahre sind seit dem vergangen. Pires ist längst angekommen und steht heute solitär als männlicher Vertreter des Fados in seiner neu angenommenen Heimat. Zwar gibt es hervorragende Fadosänger, doch bisher vermarkteten die Labels lieber bekannte weibliche Größen des Genres, wie Misia, Mariza und Ana Moura. So blieb der männliche Fadointerpret eher unter dem Horizont. Als Pires anfing, Fado in Portugal zu produzieren, begann ein stetiger Kampf gegen das Reinreden, wie man den Fado zu singen, zu spielen hat. Dank der jahrelang gelebten Berliner Schule des “Lass ihn reden”, hob Pires bestenfalls eine frisierte Augenbraue und setzte seine eigenen Maßstäbe. Und diese beruhen, wie auf dem aktuellen Album “Através do Fado” deutlich zum Ausdruck kommt, allein auf Gefühl und Verstand. “Durch den Fado”, wie man den Albumtitel übersetzt, lässt Pires den Hörer am Erleben von Musik, Sehnsucht und Leidenschaft teilhaben. Zehn einfühlsame Lieder hat Telmo Pires und sein genialer Violoncello spielender Produzent und Arrangeur Davide Zaccaria für das Album herausgesucht oder neu komponiert. Manche neigen zur Schwermut, in anderen agiert Pires mit ungewohntem Überschwang, denn Fado bedeutet nicht Leiden, sondern Leben.

Um Fado überzeugend zu interpretieren, benötigt man zwei wichtige Eigenschaften, die sich im ersten Moment ausschließen. Fehlende Eitelkeit, um sich ganz ohne Scheu vollkommen durch Musikalität und Ausdruck dem Publikum hinzugeben und selbstbewusste Eitelkeit, die dem Publikum bewusst macht, dass man sich genau das traut. Telmo Pires beherrscht beide Facetten dieser Darstellung meisterhaft.

Mit jeder Zeile, ob selbst geschrieben oder interpretiert öffnet Telmo Pires auf seinem Album: „Através do Fado“ sein Herz weit und lädt ein, mit ihm die grundehrlichste Gefühlsregung der Portugiesen zu genießen: die Saudade.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Telmo Pires in der Sendung Lusofonia zu hören.

Kata y Co – Bossa und No’was

Kata y Co
“Bossa und no' was”

Deutschland 2019
12 Tracks; 57:50 min
Herzog Records
www.hy-and.com/kata-y-co

 

Die russische Seele neigt zur Melancholie, die brasilianische ebenfalls. Die Sehnsucht ist in beiden Kulturen eine enge Vertraute. Vielleicht gelingt deshalb der Sprung Katharinas Mais aus der Metallurgiehochburg Kamenski-Ural im Süden des Uralgebirges in die temporeduzierte Tropenträgheit Brasiliens. Die klassisch ausgebildete Sängerin hat sich das brasilianische Portugiesisch angeeignet, das argentinische Spanisch und sich der swingenden Melancholie der Bossa Nova genauso hingebungsvoll ausgeliefert, wie dem Tango Argentino. Das Album “Bossa und no’was” ist die Veröffentlichung von neun brasilianischen und argentischen Kompositionen und zweier Adaptionen klassischer Stücke. Mehrere Kompositionen von Antonio Carlos Jobim finden Einzug ins Repertoire, ebenso ein Werk von Astor Piazzolla. Kata y Co, als Quartett mit der Sängerin, so wie einem Cello, einem Piano und einem Bass, interpretieren die Musik leicht und gefühlvoll, mit ein wenig Herzschmerz und viel Gelassenheit. Das Zusammenspiel von Gesang, Cello und Klavier erinnert etwas an das Morelenbaumquarett, das Anfang des neuen Jahrhunderts, damals mit einem Jobim-Sohn an der Geige und Ryuichi Sakamoto am Klavier, Jobims Klassiker neu auflegte. Zugegeben, so schön sich Katharina Mai auch in die brasilianische Seele hineinversetzt, der Originalmelancholie von Paula und Jacques Morelenbaum wird sich wohl kaum einer ebenbürtig zeigen können. Aber das Herz schwingt mit in den Liedern, die sich auf dem Album von Kata y Co finden. Etwas überzogen kommt dann ihre klassische Ausbildung zum tragen, wenn sie mit dem Titel “When I am Laid in Earth” dem Hörer tragikverliebt mit Henry Purcell kommt. Hier findet die CD ihr überraschendes Ende.

© Karsten Rube 2019 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Kata Y Co in der Sendung Brasil zu hören.

Ronja bereist die Welt – Ein Songbook

Ronja Maltzahn
“Beautiful Mess”

Deutschland 2019
12 Tracks; 49:27 min
Timezone
www.ronja-maltzahn.de

 

Da kann ja eine was! Ronja Maltzahn aus Münster bereist die Welt und bringt Lieder mit. Wo andere Tagebuch schreiben, schreibt sie Songbooks. Und irgendwann müssen die an die Luft. Die transglobalen Lieder der jungen Münsteranerin erschienen nun auf ihrer Debüt-CD “Beautiful Mess”. Zwölf Lieder hat sie ausgewählt. Folkig, weltmusikalisch orientiert, leicht kammermusikalisch mit einem Hang zum Deutschpop. Eigentlich ist sie Solomusikerin: Gitarre, Cello, Klavier. Doch allein ist sie nie. Immer finden sich Musiker um sie herum ein und so ist auch diese Platte mit einer ganzen Blase von Musikern ausgestattet, die um sie herum schweben. Ronja mag Seifenblasen, besagt ein Artikel über sie. Deshalb müssen im Studio immer welche herumfliegen. Ob die Blasen neue Ideen freisetzen, wenn sie platzen, verrät sie nicht. Ronja singt mit Herz, häufig mit Sehnsucht. Als Vielreisende gehört das dazu. Mehrsprachig sowieso. Die Texte, solide Poesie, intoniert sie auf Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch und denkt darüber nach, auch was auf Arabisch zu singen. Leider habe ich kein Babelfisch im Ohr und das Booklet ist in Handschrift, einer ausgewiesen ausgeschriebenen Handschrift. Und so bleibt mir nur, ihre wunderbaren Lieder mit einem neidischen “Angeberin” zu genießen.
Erst später, nach dem Zuhören, entdecke ich, dass Ronja freundlicherweise ihre Website mit der Übersetzung aus der Handschrift ins Lesbare ausgestattet hat und zudem jeden Songtext zwischen jeder ihr zugänglichen Sprache, wandeln lassen kann. Das nenn ich mal einen Service.

© Karsten Rube 2019 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Ronja Maltzahn in der Sendung World Day zu hören.