Sehnsucht nach Ferne – Sehnsucht nach Nähe

Cobario
"Weit weg”

Österreich 2020
10 Tracks; 42:49 min
Independent Audio Management
https://www.cobario.com/

Mit welcher Selbstverständlichkeit wir in der zivilisierten Welt unsere Freiheit genossen haben, merken wir erst jetzt wirklich, wo sie plötzlich auf Grund der Diktatur einer unsichtbaren viralen Macht eingeschränkt ist. Soziale Kontakte, Freundschaften bleiben erhalten, wenn sie digitalen Mustern folgen können. Doch persönliche Momente bleiben auf der Strecke, wenn eine räumliche Distanz besteht. Sie ersetzen, kann das digitale Ersatzleben nicht. Und von der Freiheit des in der Welt Herumstrolchens kann man derzeit nur träumen. Das allerdings intensiv, denn Reisen kann und muss man nun medial: virtuell, literarisch oder musikalisch. Bei Letzterem helfen uns die drei Musiker der Gruppe Cobario aus Wien. “Weit weg” heißt ihr aktuelles Album, und der Titel verweist aktuell nicht mehr nur auf ein Träumen, sondern besitzt bereits einen Hauch des Flehens. “Weit weg” kommen wir, wenn wir uns in den Gedankenflügen verlieren, die die Musiker Herwig Schaffner, Georg Aichberger und Jakob Lackner mit Gitarren und Violine wecken. Für Überraschung sorgt ihre neu gefundene Gesangsstimme, die im aktuellen Album vermehrt in den Titeln erscheint. Scheinbar ziellos treiben sie den Hörer durch die Welt. Beginnen sie mit “El Mariachi” mit etwas Sonnenbrand und träge durchs gedachte Bild rollenden Steppenläufern, nehmen sie in “Lucky Punch” in bester Bluegrassstimmung Fahrt auf. “Kreise im Sand” nahm bei der Produktion, Monate vor der Coronakrise, die derzeit unerfüllbare Sehnsucht vorweg, frei und unbefangen, träumend und voller Freude grenzenlos zu sein. Und so führen sie den Hörer weiter an der Hand durch Welten und Kulturen und zu Menschen, denen sie begegneten, fernab der eigenen Begrenztheit. Aber auch dicht in die unmittelbare Nachbarschaft, wie es in dem schnuckelig, schnulzigen Lied “Mein Wien” herrlich heimelig zu hören ist. Slawische, orientalische, lateinamerikanische und iberische Einflüsse durchziehen ihre durchweg virtuosen musikalischen Linien. Einflüsse, mit denen sie sich in den Jahren vagabundierenden Musizierens an den verschiedensten Orten der Welt infiziert haben. “Weit weg”, das kann Reisen und Freiheit sein, aber auch Trennung und Abstand, wie im Abschlusslied deutlich wird. In beiden Fällen bedeutet “Weit weg” Sehnsucht. Eine Sehnsucht, der wir uns jetzt um einiges bewusster werden. Cobario liefert den passenden musikalischen Tonfall dazu.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Cobario in der Sendung Heimatklang zu hören.

Telmo Pires – Verstand und Sinnlichkeit am Tejo

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Telmo Pires
“Através Do Fado”

Portugal 2020
10 Tracks; 35:28 min
Traumton Records
www.telmopires.pt

 

Fado lebt einzig und allein von der Wahrhaftigkeit des eigenen Gefühls. Kaum ein Vertreter dieses bedeutendsten musikalischen Seelenschaufensters Portugals hat dieses Empfinden so verinnerlicht, wie Telmo Pires. In Bragança im Norden Portugals geboren, wanderte er mit seinen Eltern früh ins Ruhrgebiet ein, lebte lange in Berlin und kehrte schließlich heim an den Ort, der für den Fado Ausgangspunkt und Schicksal gleichermaßen darstellt: Lissabon.
Zehn Jahre sind seit dem vergangen. Pires ist längst angekommen und steht heute solitär als männlicher Vertreter des Fados in seiner neu angenommenen Heimat. Zwar gibt es hervorragende Fadosänger, doch bisher vermarkteten die Labels lieber bekannte weibliche Größen des Genres, wie Misia, Mariza und Ana Moura. So blieb der männliche Fadointerpret eher unter dem Horizont. Als Pires anfing, Fado in Portugal zu produzieren, begann ein stetiger Kampf gegen das Reinreden, wie man den Fado zu singen, zu spielen hat. Dank der jahrelang gelebten Berliner Schule des “Lass ihn reden”, hob Pires bestenfalls eine frisierte Augenbraue und setzte seine eigenen Maßstäbe. Und diese beruhen, wie auf dem aktuellen Album “Através do Fado” deutlich zum Ausdruck kommt, allein auf Gefühl und Verstand. “Durch den Fado”, wie man den Albumtitel übersetzt, lässt Pires den Hörer am Erleben von Musik, Sehnsucht und Leidenschaft teilhaben. Zehn einfühlsame Lieder hat Telmo Pires und sein genialer Violoncello spielender Produzent und Arrangeur Davide Zaccaria für das Album herausgesucht oder neu komponiert. Manche neigen zur Schwermut, in anderen agiert Pires mit ungewohntem Überschwang, denn Fado bedeutet nicht Leiden, sondern Leben.

Um Fado überzeugend zu interpretieren, benötigt man zwei wichtige Eigenschaften, die sich im ersten Moment ausschließen. Fehlende Eitelkeit, um sich ganz ohne Scheu vollkommen durch Musikalität und Ausdruck dem Publikum hinzugeben und selbstbewusste Eitelkeit, die dem Publikum bewusst macht, dass man sich genau das traut. Telmo Pires beherrscht beide Facetten dieser Darstellung meisterhaft.

Mit jeder Zeile, ob selbst geschrieben oder interpretiert öffnet Telmo Pires auf seinem Album: „Através do Fado“ sein Herz weit und lädt ein, mit ihm die grundehrlichste Gefühlsregung der Portugiesen zu genießen: die Saudade.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Telmo Pires in der Sendung Lusofonia zu hören.

Kata y Co – Bossa und No’was

Kata y Co
“Bossa und no' was”

Deutschland 2019
12 Tracks; 57:50 min
Herzog Records
www.hy-and.com/kata-y-co

 

Die russische Seele neigt zur Melancholie, die brasilianische ebenfalls. Die Sehnsucht ist in beiden Kulturen eine enge Vertraute. Vielleicht gelingt deshalb der Sprung Katharinas Mais aus der Metallurgiehochburg Kamenski-Ural im Süden des Uralgebirges in die temporeduzierte Tropenträgheit Brasiliens. Die klassisch ausgebildete Sängerin hat sich das brasilianische Portugiesisch angeeignet, das argentinische Spanisch und sich der swingenden Melancholie der Bossa Nova genauso hingebungsvoll ausgeliefert, wie dem Tango Argentino. Das Album “Bossa und no’was” ist die Veröffentlichung von neun brasilianischen und argentischen Kompositionen und zweier Adaptionen klassischer Stücke. Mehrere Kompositionen von Antonio Carlos Jobim finden Einzug ins Repertoire, ebenso ein Werk von Astor Piazzolla. Kata y Co, als Quartett mit der Sängerin, so wie einem Cello, einem Piano und einem Bass, interpretieren die Musik leicht und gefühlvoll, mit ein wenig Herzschmerz und viel Gelassenheit. Das Zusammenspiel von Gesang, Cello und Klavier erinnert etwas an das Morelenbaumquarett, das Anfang des neuen Jahrhunderts, damals mit einem Jobim-Sohn an der Geige und Ryuichi Sakamoto am Klavier, Jobims Klassiker neu auflegte. Zugegeben, so schön sich Katharina Mai auch in die brasilianische Seele hineinversetzt, der Originalmelancholie von Paula und Jacques Morelenbaum wird sich wohl kaum einer ebenbürtig zeigen können. Aber das Herz schwingt mit in den Liedern, die sich auf dem Album von Kata y Co finden. Etwas überzogen kommt dann ihre klassische Ausbildung zum tragen, wenn sie mit dem Titel “When I am Laid in Earth” dem Hörer tragikverliebt mit Henry Purcell kommt. Hier findet die CD ihr überraschendes Ende.

© Karsten Rube 2019 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Kata Y Co in der Sendung Brasil zu hören.