Ergreifende Literaturvertonung

Nadine Maria Schmidt

"Ich bin der Regen"

Deutschland hat in der Literaturgeschichte so viele hervorragende literarische Werke hervorgebracht, dass es weltweit noch immer gern an seinen Dichtern gemessen wird. Umso erstaunlicher scheint dies, wenn man sich die Versuche betrachtet, mit denen man hierzulande an die Vertonung der klassischen Dichtung geht. Oft will man in einen spontanen Schmerzensruf ausbrechen, der sich wie "Hurz" anhört. Doch hin und wieder gelingt es, mit Gedichten unverkrampft umzugehen und dabei Kunst zu produzieren, die nicht wehtut. Nadine Maria Schmidt hatte schon mit ihren "Liedern aus Herbst" ein poetisches Achtungszeichen gesetzt. Jetzt erschien mit "Ich bin der Regen" ein Album, auf dem sich die Leipziger Liedermacherin Gedichten und Texten von der Spätromantik bis zur Gegenwert widmet. Das setzt sie musikalisch mit viel Verve um. Ergreifend ist ihre Vertonung von Texten des jüdischen Mädchens Selma Merbaum, die 18-jährig in einem Arbeitslager der Nationalsozialisten starb. "Ich bin der Regen" und "Ich möchte leben" stammen von Merbaum und klingen nach einer unbändigen und ungebrochenen Lebensfreude. Eduard Morike, Theodor Storm und Rainer Maria Rilke hätten sicher nicht geglaubt, dass ihre Texte gute Vorlagen selbst für rockige Töne sein könnten. Und welche Sehnsucht spricht aus den Briefen von Sophie Scholl. Nadine Maria Schmidt wird auch dieser musikalisch gerecht. Im Bonusmaterial endet das starke Album mit einer Eigenkreation der Liedermacherin, die sich in die dichterische Qualität der ausgewählten Meisterinnen und Meister nahtlos einfügt. Nadine Maria Schmidts Mischung aus Intelligenz und Leidenschaft ist wohl das Beste, was dem deutschen Lied derzeit passieren kann.

© Karsten Rube für Radio-Skala & Folkworld.eu

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