Die besondere CD: Marc Pendzich „Selma“

Hoffnungsvolle Lieder im Angesicht des Abgrunds

Wie man angesichts von Not und Entbehrung Gedichte von solcher Lebens- und Liebeslust wie Selma Merbaum schreiben kann, ist auch heute 75 Jahre nach dem Tod des damals 18 jährigen jüdischen Mädchens in einem Arbeitslager der Nationalsozialisten kaum begreifbar. Mit jugendlicher Unbeschwertheit, jung verliebt, gießt sie ihre Gefühle und ihre Lebensträume in Poesie von seltener Schönheit. Selbst als der kleinen Ort Czernowitz in der Ukraine, in dem sie lebte, im schrecklichen Spiel der Kriegsmächte Deutschland und Russland von beiden Seiten ausgeweidet wurde, schrieb sie im Ghetto weiter ihre Gedichte von der Hoffnung auf Glück. Dass Selma Merbaum das Ausweglose ihrer Situation durchaus bewusst war, ist den Texten deutlich anzuhören. Trotz allem überwiegt Hoffnung. Marc Pendzich hat sich elf Gedichten Merbaums angenommen. Er hat sie modern vertont, auf elektronische Effekte nicht verzichtet. Die entstandenen Songs treiben nun zeitlos im Raum, lassen Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Dass die Geschichte die Einfallslosigkeit besitzt, sich von Zeit zu Zeit zu wiederholen, macht das Wiederveröffentlichen solcher Texte, wie die von Selma Merbaum um so wichtiger. Allerdings ist das Album “Selma” von Marc Pendzich nicht nur wunderschön anzuhören. Es ist auch ein kleines flackerndes Licht in Zeiten aufziehender Dunkelheit.

© 2017 Karsten Rube für Folkworld & Radio-Skala
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