Lily Dahab im Berliner Jazzclub A-Trane am 31. Januar 2020

Lily Dahab - Live

Der renommierte Jazz-Club A-Trane verschwendet keinen Platz. In dem kleinen Eckladen in der Charlottenburger Bleibtreustraße, mit den großen, effektiv isolierten und mit Instrumenten gefüllten Fenstern, stehen die Tische und Stühle eng beieinander. Stabilere und reifere Körper bekommen hier schon mal ein steifes Knie. Doch darüber beklagt sich keiner, denn wer hier Einlass begehrt, tut dies aus gutem Grund. Und wer nicht kuschlig in den Polstern oder nachbarschaftlich eng an den kleinen runden Tischen sitzen möchte, reserviert sich einen der gefragten Stehplätze im Gang. Seit 1992 treten in diesem international geschätzten Laden beinahe täglich Jazzlegenden und aufstrebende Musiker auf, eingeladen vom Jazzenthusiasten Sedal Sardan, dem dieser Club von Anbeginn eine Herzensangelegenheit ist. Zum Platzen voll war es bisher jedes Mal, wenn ich das A-Trane besuchte. Auch beim Konzert von Lily Dahab, die zum wiederholten Male hier auftritt und ganz offensichtlich gern wiederkommt.

"Bajo un mismo cielo" heißt das Programm, mit der die gebürtige Argentinierin ihr drittes Album Live zelebriert. "Unter einem gemeinsamen Himmel", wenn man den Titel so übersetzen will, klingt wie eine Überschrift über ihr Leben. Lily Dahab hat schon viele Himmel über sich leuchten sehen. Mit ihren syrischen und türkischen Vorfahren, die einst nach Südamerika auswanderten, sowie mit langen Aufenthalten in Spanien und ihrer jetzigen Wahlheimat Berlin, hat sie Kulturen in sich aufgesogen, wie anderen Orts junge Leute hippe Drinks. Seit einigen Jahren lässt sie die Freunde emotional bewegender Musik an diesem Cocktail teilhaben. Was bereits am Album fasziniert, berührt auch Live. Die schmale Frau, die selten eine Gelegenheit zum Lächeln auslässt, strahlt auf der kleinen Bühne im Jazz Club eine einnehmende Freundlichkeit aus, bringt ihre virtuose Stimme zum Klingen, mal hauchend sentimental, mal von überbordendem Optimismus beseelt. Sie lenkt alle Blicke auf sich und verzaubert optisch ebenso, wie akustisch. Ihre Lieder sammeln die Erfahrungen, die sie im musikalischen Leben und Erleben machte, vereinen Jazzelemente mit Latinsound und brasilianischer Populärmusik. Der brasilianische Sänger Djavan erscheint gleich mit zwei Songs in ihrem abendlichen Repertoire. Von ihrer frühen Tangoprägung zeugt Astor Piazollas "Yo soy Maria". Und den lateinamerikanischen Klassiker „Gracias a la Vida“ lässt sie stellenweise vom Publikum mitsingen. Flamenco fehlt in ihrer Aufführung ebenfalls nicht. Die Songs leben von großer Hingabe, Sentimentalität und gefühlvoller Selbstoffenbarung, der man in der lateinamerikanischen Musik weitaus häufiger seine Aufmerksamkeit widmet, als im europäischen Pop. Eine Hingabe, der man sich als Zuhörer nicht verschließen kann und will.

Getragen wird Lily Dahabs musikalische Dominanz von einem ebenfalls hingebungsvollen Ensemble, dem der Pianist, Arrangeur und Komponist Bene Aperdannier vorsteht. Der strahlt und schmilzt an Klavier und Orgel und brilliert nicht nur mit gut gesetzter musikalischer Begleitung, sondern vor allem mit seinen verspielten Solos. Der Bass ist seit einiger Zeit ein elektrischer. Camillo Villa spielt diesen mit der nötigen Zurückhaltung und ersetzt den bisher mustergültig zupfenden Kontrabassisten Andreas Henze. Die Gitarre beherrscht in all seinen Facetten Jo Gehlmann. Der umtriebige Berufsmusiker ist an vielen Theaterhäusern engagiert und begleitete Bands und CD-Aufnahmen vom Marianne Rosenberg bis Klaus Hoffmann und springt auf den Saiten zwischen den Stilen hin und her. Flamenco und Bossa sind nur ein oder zwei Griffe von einander entfernt. Die Perkussion bedient Topo Gioia. Wenn irgendwo Perkussion auf höchsten Niveau gefragt ist die dazu einfallsreich und belebend wirken soll, dann kommt man an den seit über vierzig Jahren in Europa lebenden Argentinier nicht vorbei. Auch für Lily Dahab erfindet er klangliche Installationen, die ihre Songs um eine weitere dezente Note veredeln. Sieht man von "Besame Mucho" ab (ein tempogebremster Klassiker, der bereits so totgespielt ist, dass ihm die noch weiter entschleunigte Interpretation Lily Dahabs auch kein neues Leben einhauchen kann), dann ist auch dieser Abend für die Künstlerin und ihre Band, sowie für das A-Trane ein voller Erfolg. Ein Erfolg, der nicht nach großen Ruhm eifert, sondern nach einem sympathischen und herzlichen Abend unter Freunden und Gleichgesinnten schmeckt. Einschlafen wollten auch an diesem Abend im A-Trane nur die Knie. Und die kann man wieder wachrütteln, wenn die Ohren Feierabend haben.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

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