Promenieren Sie mal wieder

Antoine Villoutreix
"Promenade”

Deutschland 2021
15 Tracks; 54:01 min
Sungroove Records
www.antoinevilloutreix.com

Wissen Sie noch, wie das ist, unter den frisch erblühten Bäumen auf dem Boulevard “Unter den Linden” unbeschwert zu lustwandeln? Ja? Dann sind Sie auch schon etwas älter. Denn nicht nur das Virus hat diese Form des Flanierens in weite Ferne gerückt, nein, auch der Begriff Lustwandeln ist vergessen, denn er ist ein Begriff aus der Vormaskenzeit. Und überhaupt haben die Baustelle der Kanzler-U-Bahn, der Schlossneubau und die Jahrzehnte dauernde Sanierung der Staatsbibliothek diese Straße lange vom Promenieren ausgeschlossen. Aber Hoffnung überlebt und es muss ja nicht “Unter den Linden” sein. Promenieren kann man auch an anderen Orten und das selbst im Schnee des Winters mit frühlingsleichter Musik von Antoine Villoutreix. Das Album “Promenade” des französischen Wahlberliners ist voller freundlich duftender musikalischer Blüten, die durch grüne Stadtkieze begleiten. Gleichwohl kann man bei seinen Chansons, Swingmelodien, folkig-rockigen und vom Country inspirierten Songs an der Spree, wie an der Seine spazieren gehen, Flohmärkte besuchen, in Cafès abhängen oder nachts um die Häuser ziehen. All diese Themen einer unbeschwerten Vergangenheit und einer hoffentlich wiedererwachenden Lebenslust in nicht allzu ferner Zukunft, finden sich in den 15 Liedern der CD “Promenade”. Villoutreix baut dabei nicht auf streichzarte Poesie, sondern agiert mit freundlicher Straßenromantik. Für ihn ist die Stadt kein vordergründig ruppiger Ort, sondern Inspiration und Lebensinhalt. Selbst die Melancholie, die er beim Betrachten des grauen Himmels durch das Fenster seiner Wohnung empfindet, hat nichts Deprimierendes. Das Ensemble, das den Musiker durch die Songs begleitet, weist allerhand Namen auf, die auch schon anderen Ortes für ausgezeichnete Produktionen sorgten. So ist Danny Dziuk am Keyboard ausfindig zu machen, ebenso der Kopf vom Club des Belugas Maxim Illion. Mischa Tangien vom Babylon Orchestra arrangierte die Strings im Song “Le Vacarme”. Einige der Streicher sind sonst eher in der Klassik und am Theater zu finden. Und auch vom Modern Balkan Swing Ensembles Django Lassie fanden Musiker zur Produktion, dieses abwechslungsreichen und Lebensfreude weckenden Albums.

© Karsten Rube 2021 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Antoine Villoutreix in der Sendung Heimatklang und in der Sendung Tour de France zu hören.

Krämer liebt Deine Tante

Sebastian Krämer
"Liebeslieder an Deine Tante”

Deutschland 2020
18 Tracks; 69:53 min
Broken Silence
www.sebastiankraemer.de

Wirklich Mut macht diese CD beim ersten Hören nicht. Krämers "Liebeslieder an Deine Tante" ist trotzdem ein Meisterwerk der hinterhältigen Lyrik und der musikalischen Feinfühligkeit. Krämer streckt keinen Zeigefinger in die Luft oder ermahnt den Hörer ein besserer Mensch zu werden. Man bemerkt bei ihm eher ein zaghaftes Schulterzucken. "Menschen sind halt so", scheint er zu sagen. "Man muss sie ja nicht mögen." Und doch, neben aller Melancholie, die man in den Stücken hört oder ahnt, schwingen liebevolle Momente auf, wie besonders im Text des Songs "Kein Liebeslied für Dich" oder bei "Mit dazu" zu Hören ist.
Der in Berlin lebende Chansonnier besitzt einen berührend altmodischen morbiden Charme. Neben seiner pointierten Klavierbegleitung lässt er kammermusikalische Perlen erklingen. Es sind wunderschöne Streicherarrangements, die seine Songs untermalen. Dafür zeichnen das Streichquartett Bowhème und die Sonnenunter-Gang verantwortlich. Nahezu klassisch kommt uns Krämer im "Neuen Reiselied". Hier glaubt man fast, Mozart hätte Heinrich Heine vertont. Krämers Tochter Hedwig kommt ebenfalls zum Zuge. "Frau Zielinski und der Finsterling" wäre ein wunderschönes Kinderlied, wäre der Text nicht eine Analyse einer klinisch depressiven Grundschullehrerin aus der Sicht einer Heranwachsenden.
Krämers Lieder sind selbst in den bizarren Momenten, an den Stellen, an denen andere Liederdichter in die Resignation abgleiten, so harmonisch, dass man in einen verhaltenen Freudentaumel verfällt und dabei wieder Hoffnung schöpft. Und sei es nur, weil Krämer einem das Gefühl gibt, dass die deutsche Sprache immer noch ihre schönen Seiten hat.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Sebastian Krämer in der Sendung Heimatklang zu hören.

Sehnsucht nach Ferne – Sehnsucht nach Nähe

Cobario
"Weit weg”

Österreich 2020
10 Tracks; 42:49 min
Independent Audio Management
https://www.cobario.com/

Mit welcher Selbstverständlichkeit wir in der zivilisierten Welt unsere Freiheit genossen haben, merken wir erst jetzt wirklich, wo sie plötzlich auf Grund der Diktatur einer unsichtbaren viralen Macht eingeschränkt ist. Soziale Kontakte, Freundschaften bleiben erhalten, wenn sie digitalen Mustern folgen können. Doch persönliche Momente bleiben auf der Strecke, wenn eine räumliche Distanz besteht. Sie ersetzen, kann das digitale Ersatzleben nicht. Und von der Freiheit des in der Welt Herumstrolchens kann man derzeit nur träumen. Das allerdings intensiv, denn Reisen kann und muss man nun medial: virtuell, literarisch oder musikalisch. Bei Letzterem helfen uns die drei Musiker der Gruppe Cobario aus Wien. “Weit weg” heißt ihr aktuelles Album, und der Titel verweist aktuell nicht mehr nur auf ein Träumen, sondern besitzt bereits einen Hauch des Flehens. “Weit weg” kommen wir, wenn wir uns in den Gedankenflügen verlieren, die die Musiker Herwig Schaffner, Georg Aichberger und Jakob Lackner mit Gitarren und Violine wecken. Für Überraschung sorgt ihre neu gefundene Gesangsstimme, die im aktuellen Album vermehrt in den Titeln erscheint. Scheinbar ziellos treiben sie den Hörer durch die Welt. Beginnen sie mit “El Mariachi” mit etwas Sonnenbrand und träge durchs gedachte Bild rollenden Steppenläufern, nehmen sie in “Lucky Punch” in bester Bluegrassstimmung Fahrt auf. “Kreise im Sand” nahm bei der Produktion, Monate vor der Coronakrise, die derzeit unerfüllbare Sehnsucht vorweg, frei und unbefangen, träumend und voller Freude grenzenlos zu sein. Und so führen sie den Hörer weiter an der Hand durch Welten und Kulturen und zu Menschen, denen sie begegneten, fernab der eigenen Begrenztheit. Aber auch dicht in die unmittelbare Nachbarschaft, wie es in dem schnuckelig, schnulzigen Lied “Mein Wien” herrlich heimelig zu hören ist. Slawische, orientalische, lateinamerikanische und iberische Einflüsse durchziehen ihre durchweg virtuosen musikalischen Linien. Einflüsse, mit denen sie sich in den Jahren vagabundierenden Musizierens an den verschiedensten Orten der Welt infiziert haben. “Weit weg”, das kann Reisen und Freiheit sein, aber auch Trennung und Abstand, wie im Abschlusslied deutlich wird. In beiden Fällen bedeutet “Weit weg” Sehnsucht. Eine Sehnsucht, der wir uns jetzt um einiges bewusster werden. Cobario liefert den passenden musikalischen Tonfall dazu.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Cobario in der Sendung Heimatklang zu hören.

Club des Belugas – Unterhaltsame Brillanz

Club des Belugas
“Strange Things on the Sunny Side”

Deutschland 2019
14 Tracks; 55:33 min
Chin-Chin Records
https://www.club-des-belugas.com/

Die Musik des deutschen Dancefloorjazzprojekts Club des Belugas einfach nur als Cool zu bezeichnen, würde der Sache nicht gerecht werden. Auf ihrem nunmehr elften Album beweisen die Soundtüftler um Maxim Illion und Kitty the Bill, was für ausgezeichnete Musiker und Arrangeure an den Songkreationen beteiligt sind. Der Clubjazz, den man auf "Strange Things on the sunny Side" zu hören bekommt, ist stellenweise impulsiv bis ungezügelt, wie „Quapa“ gleich am Anfang klar zeigt. Der Song "Crazy Lazy Friday Afternoon" wirkt hingegen ziemlich lasziv. Brillante Bläsersätze und eine ausgeflippte Querflöte unterstreichen hier eine gewollt schwüle Atmosphäre. Das Gefühl, glückselig durch die Nacht zu tanzen, vermittelt Iain Mackenzie mit seinem Lied "There's Nothing but you", während der Song, "Running Life" gesungen von Ashley Slater, den aufdringlichen Schmelz eines Brusthaartoupets mit Goldkettchen besitzt. Sehr schön zu hören ist auf dem Album auch, wie sich der Wunsch der Sängerin Maya Fadeeva, sich in den Pool der Clubinterpreten einzupassen, erfüllt hat. Zwei Songs mit der charismatischen Stimme Mayas kann man auf der CD hören. Mit wie wenig Mitteln die Musiker eine zum Hinschmelzen cineastische Stimmung zaubern können, beweist der Schlusssong "La Taillade". Streicher, hintergründige Bläser, eine gleichmäßige Rhythmussektion und eine indische Trommel beschwören vereinnahmende Bilder von einem endlosen Horizont über blauem Wasser herauf. Die Covergestaltung ist erneut eine Augenweide, die Musik eine Ohrenweide. Für mich die bisher reifste CD vom Club des Belugas. Enorm unterhaltsame Brillanz.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Club des Belugas in der Sendung Night Owl Club Lounge zu hören.

CD-Empfehlung: Canan Uzerli – Emotionaler Spagat zwischen den Kulturen

Canan Uzerli “İçten Gelen Ses”

Deutschland 2018
15 Tracks; 53:32 min
Canan Uzerli Music
www.cananuzerli.com

Wie reichhaltig sich Musik entwickeln kann, wenn man verschiedenen Kulturen Raum gibt sich gemeinsam zu entfalten, hört man eindrucksvoll auf dem Album “İçten Gelen Ses” der türkisch-deutschen Sängerin Canan Uzerli. Übersetzt heißt das Album “Die Stimme aus dem Innern”. Sehr persönlich wirken die Songs, die die Künstlerin durchweg auf Türkisch singt. Im Booklet sind alle Texte zudem ins Deutsche übertragen, so dass man den Songs und der wunderschönen Stimme lauschen und den Gedanken der Sängerin folgen kann. Die poetischen Texte drehen sich um Glück, Sehnsucht, Schicksal. Auch eine Liebeserklärung an Istanbul ist zu hören. Mit Akkordeon und Saz, mit Geigen und Gitarren verbindet sie die beiden Kulturen, die in ihrer Seele wohnen. Musikalisch wagt sie dabei den Spagat zwischen Pop, Folklore und europäischen Hörgewohnheiten. Tango und Flamencoanklänge finden in den Liedern ebenso ihre Berechtigung, wie die reichhaltige Klangharmonie der türkischen Musik. “İçten Gelen Ses” ist ein Album, das vom ersten Ton an fesselt und einen am Ende beseelt und glücklich entlässt.

© Karsten Rube 2019 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Canan Uzerli in der Sendung Orient Express und bei den Womens Voices zu hören.

Jo Jo Effect – Versuchungen mit Electrojazz

JoJo Effect „Atlantic City Flow“

Deutschland 2018
15 Tracks; 58:46 min
Chin-Chin Records
www.jojo-effect.de

Der Jojo-Effekt schlägt bekanntlich nach zwei Seiten aus. Und das mit sich immer mehr verstärkender Amplitude. Meist ist man nur von einer Seite begeistert. Bei der NuJazz Formation JoJo Effect verhält sich das nicht anders. Solange man ohne deren Musik auskommen muss, sind die Mundwinkel unten. Wenn man endlich wieder was von ihnen hört, hebt sich das Lächeln.
JoJo Effect agieren seit zwölf Jahren in der NuJazz-, Electroclub- und Loungeszene. Sie gehören auf jeden gelungenen Partymix, beleben die Jazzclubs, Bars und geben den gut gelaunten Schlaflosen den Takt der Nacht vor. “Atlantic City Flow” weist musikalisch und stilistisch den Weg in den nächsten Ballroom. Brillante Stimmen treffen auf diesem Album auf exzellente Soundkonstruktionen, Electrosamples auf erstklassige Instrumentalkünstler. Jürgen Kausemann, Kopf des Effects, sitzt an allen Tasteninstrumenten vom Klavier bis zum Computer, zupft die Saiten von Gitarre, Bass und Ukulele. Reiner Winterschladen, Karlos Boes und Lars Kuklinski treiben ihren Atem in die Blasinstrumente ihrer Wahl. Bei allem Respekt vor den Instrumentalkünstlern auf diesem Album, muss ich aber trotzdem die unverwechselbaren Stimmen von Brenda Boykin, der Soulröhre aus Kalifornien, Nelly Simon von Zouzoulectric, Saskia Jonker mit ihrem warmen Timbre und Anne Schnell, der Songwriterin und musikalischen Pulsbeschleunigerin des Projekts deutlich hervorheben. Und natürlich Iain Mackenzie, dem man auf Grund seiner stimmlichen und persönlichen Ausstrahlung nachsagen darf, dass für ihn der Jazz wahrscheinlich erfunden wurde. “More or Less” ist das Herzstück des Albums und wird vom Londoner Sänger Iain Mackenzie interpretiert, wie eine entgleitende Liebesgeschichte. Vorgetragen vor dem hochgeschlagenen Mantelkragen im Nieselregen der voranschreitenden Nacht. (Mehr zum Song „More or Less“ hier … ). Dunkel wird die Stimmung direkt danach bei der Coverversion von “Knights in White Satin”. Ein denkbar passender Anschlusssong. Trotzdem bleibt das Album »Atlantic City Flow« im Gesamtkonzept seinem Stil treu, poppig und witzig, soulig und spritzig zu swingen und grooven.
“Atlantic City Flow” ist die fünfte Produktion des Soundwunders um den Musiker und Produzenten Jürgen Kausemann. Persönlich wirkt sich der JoJo-Effekt von JoJo Effect bei mir bereits so aus, dass die Mundwinkel nun schon grinsend bis zu den Ohren wandern, wenn ich mir ihre Songs anhöre. Wo soll das nur hinführen.

© Karsten Rube 2018 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von JoJo Effect in der Sendung World Jazz und in der Sendung World Dance zu hören.

Maya Fadeeva – Die Stimme für den Sommer

Maya Fadeeva „Camëleon“

Deutschland 2018
17 Tracks; 59:37 min
Glamjazz Records
www.maya-fadeeva.com

Wer die Stimme von Maya Fadeeva hört, wird nicht müde mit Attributen zu jonglieren. Lasziv, soulig, rauchig, geheimnisvoll, variationsreich … . Da ist der Name ihres Debütalbums Programm. Wandlungsfähig wie ein Chameleon ist die Sängerin, die auf dem Album ““Chamëleon” ihre Songs präsentiert. Eine stilistische Bandbreite von NuJazz über Soul zu Clubmusik und vintageorientiertem Swing zeigt, dass sie sich auf vielen Ebenen zu Hause fühlt. Wunderbar sommerlaunige Songs tragen dabei genauso zum einem weit gefächerten Stimmungsbild bei, wie sentimentale, fast schon melancholische Töne, die aber nie in die Hoffnungslosigkeit abdriften. Besondere Hörerlebnisse sind dabei der Soulsong „Fire“, ihr lockerer Strandreggae „Keep your Smile“ und die Singleauskopplung „Let me go“. Ein bewährtes Künstlerteam stand der Sängerin zu Seite, wie Pat Anthony, Dirk Sengotta, Maxim Illion und sorgte für die Vielfalt von reduziertem Lied bis zu bläserlastigem Orchesterwerk.  Das Album sollte in jeder Mp3-Büchse stecken, die man mit zum Strand nimmt. Es erscheint am 13. April 2018 bei Glamjazz-Records. Ein paar ausgesuchte Live-Termine findet man auf der Website der Künstlerin.

© Karsten Rube 2018 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Maya Fadeeva in der Sendung World Jazz und in der Sendung Womens Voices zu hören.

CD Empfehlung im März: Neue CD von Finnlands Akkordeonqueen Johanna Juhola

Johanna Juhola „Divan Jäljet“

Finnland 2018
10 Tracks; 43:34 min
Westpark Music
www.johannajuhola.net

Eine Autopanne zu haben, ist nicht schön. Man muss auf den Abschleppdienst warten. Sitzt man allerdings mitten im Winter in Norwegen im Schnee fest, dann ist Bewegung bitter nötig. Johanna Juhola saß während einer Tournee mit ihren Musikern in solcher Situation einige Zeit auf der Straße fest. Damit keine Langeweile aufkam und der Frost nicht zu sehr biss, griffen die Musiker zu ihren Instrumenten. Gleich der erste Song des neuen Albums der finnischen Akkordeonmeisterin Johanna Juhola ist während dieser Wartezeit in Norwegen entstanden. Die musikalische Umsetzung ist das Gegenteil von Trübsal. Flott und fröhlich spielen sich die Musiker durch das rasante Thema des Titels und eröffnen damit ein Album, das nicht nach langen skandinavischen Nächten in sentimentaler Stimmung klingt. Johanna Juhola hat in den Jahren, in denen sie nun aktiv musiziert ihren eigenen Stil entwickelt. Einen fröhlichen und frechen Stil, der finnische Folklore und finnischen Tango zusammenbringt und sich nicht scheut auch elektronische Elemente einzubinden. “Diivan Jäljät” – Shadows of a Diva heißt ihr neues Album. Der Titelsong erzählt die Geschichte von einer Diva, die sich in einem Märchenland verliert. Diesen Song hat sie mit dem finnischen Rapper Tommy Lindgren eingespielt. Rap auf Finnisch dürfte wohl auf der Zungenbrecherskala eine ziemlich hohe Wertung bekommen. Aber auch der Moment des Innehaltens ist für sie von großer Bedeutung. Wer Vollgas unterwegs ist, muss auch mal anhalten und tanken. “Rauha” (Ruhe) heißt ein Lied, das für einen Moment das Tempo drosselt. ”Sadepäivä” (Verregneter Tag) ein anderes. Doch es kommt keine skandinavische Melancholie auf. Es ist eher, als würde man sich dem Luxus hingeben, saubere Luft zu atmen, und es bewusst genießen. Die Lieder des Albums hinterlassen einen starken visuellen Eindruck. Man glaubt die Geschichten, die die Künstlerin erzählen will, greifen zu können, sobald sie das Ohr erreichen. Die professionelle Musikerin Juhola lässt der kindlichen Spielfreude der Johanna freien Lauf. Das ist mitreißend und herzerwärmend. Dieses Album macht glücklich, glauben sie mir das ruhig und hören sie selbst.

© Karsten Rube 2018 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Johanna Juhola in der Sendung Nordlichter und in der Sendung des Tagesprogramms Morning Train Morning Train zu hören.

CD-Empfehlung im Februar: Hiss-Südsee, Sehnsucht & Skorbut

Hiss „Südsee, Sehnsucht & Skorbut“

Deutschland 2018
12 Tracks; 44:47 min
Hiss (H’Art)
www.hiss.net

Wikipedia nennt unter dem Unterpunkt: wichtigste Vertreter der Polka Ernst Mosch und Stefan Hiss in einem gedruckten Atemzug. Der eine ein Vertriebener, der andere ein Getriebener. Während der eine seiner alten, verlorenen Heimat nachtrauerte, ist der andere gern weg, meistens unterwegs um, laut Liedtext: “bloß nicht in der Heimat begraben zu werden.” Die weite Welt da draußen hat es Stefan Hiss schon immer angetan. Er spielte in Texas und Mexiko, Rudolstadt und demnächst in Spenge-Bardüttingdorf. Zahllose Reisen haben Stefan Hiss und seine Band geprägt. Das aktuelle achte Album, das die Gruppe Hiss nun veröffentlicht hat, heißt “Südsee, Sehnsucht & Skorbut”. Und ist ein wahres Potpourri der gediegenen Reiseunterhaltung. Diesmal dringt der Blick durch das ausgezogene Fernrohr über die Weiten der Sieben Weltmeere. Seemannsgarn von der akkurat getexteten Art geben sie zum Besten, eingepackt in Melodien, die den gewohnten Polkapfad manchmal verlassen, um auf den feuchten und sandigen Dünenwegen von Reggae, Cumbia und Shanty zu spazieren. “Südsee, Sehnsucht & Skorbut” lässt Fernweh aufkommen und das nicht nur, weil die Texte, denen wieder wunderbar der Spagat zwischen banal und absurd gelingt, von Seefahrerklischees und Abenteurerromantik nur so schäumen. Der “Rum” wird besungen, “Die Christliche Seefahrt”, und Freddy Quinns “Die Gitarre und das Meer” fehlt auch nicht. Dazwischen amüsiert sich die Kapelle bei “Sibirischer Liebe” und reist mit hohem Tempo von “Sansibar nach Santa Fé”. Musikalisch fährt die Gruppe wieder alle Geschütze auf, die man an Bord des Unterhaltungsdampfers Hiss klarmachen kann. Da ist die wandelbare Gitarre von Thomas Grollmus, der den Klang der Hawaiigitarre hervorzubringen vermag, aber auch Reggaeriffs und Westernstyle. Volker Schuh am Bass und der Perkussionist Bernd Öhlenschlägel geben eine bezaubernde Rhythmusgruppe ab, die melancholische Stimmungen ebenso dezent zu untermalen versteht, wie den treibenden Latinsound in der Cumbia “Si no me quieres no me engañes”. Michael Roth ergänzt die Songs mit seinem Mundharmonikaspiel, das zwar gern bluesorientiert ist, doch ohne Probleme in jedem Stile glänzen kann. Stefan Hiss singt mit rotzig frecher Stimme. Er gehört außerdem zu den exzellenten Musikern, die immer so tun, als wäre das Akkordeon nur ein Begleitinstrument zum Gesang. Tatsächlich bringt er virtuos alle Facetten des Instrumentes zum Klingen, fast beiläufig und doch mit hoher Präzision. Hiss’ Album “Südsee, Sehnsucht & Skorbut” ist vollgepackt mit süffisanter Sentimentalität und sonnigem Schalk. Ein echter Hiss.

© Karsten Rube 2018 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Hiss in der Sendung Heimatklang und in der Sendung des Tagesprogramms  World Day zu hören.

CD Empfehlung im Januar 2018 Kari Bremnes „Det Vi Har“

Kari Bremnes „Det Vi Har“

Norwegen 2017

www.karibremnes.no

Strange Ways Records

Fünf Jahre hat die norwegische Künstlerin Kari Bremnes benötigt, um ein Kunstwerk zu modellieren, das so faszinierend, wie ungewöhnlich ist. Auf ihrem neuen Album “Det Vi Har” betritt der Hörer eine eigene Klangwelt. Eine Klangwelt die die fast schon mystisch anmutenden norwegischen Landschaften beschreibt und gleichzeitig mit urbaner Realität kokettiert. Kari Bremnes Familie lebt im Norden Norwegens. Dort hat sie ein Haus und die Ruhe zu komponieren, mit Klängen zu tüfteln und ihre musikalischen Sternbilder zum Kreisen zu bringen. In Oslo lebt sie ebenfalls übers Jahr. Ihr Zugeständnis an die Welt und gleichzeitig die Bodenhaftung in der Gegenwart. Die Lieder auf dem Album “Det Vi Har” sind geeignet, für eine Weile auszusteigen aus dem Trubel der Realität. Nordlichter tanzen vor den Augen. Wolken kratzen an den schneebedeckten Spitzen der Berge, die aus den Fjorden steigen. Fjordgeister tanzen. Kari Bremnes zieht ihre Kraft aus den nordischen Sagen und der traditionellen Musik ihrer Heimat. Das ist der Boden, in dem sie wurzelt. Doch ihr Streben gilt den Sternen. Alle Songs sind elektronisch aufbereitet, erinnern an den Synthesizersound der achtziger Jahre, als Jean Michelle Jarre in den elektronischen Kosmos entführte. Manche Klänge auf der CD wirken zerbrechlich wie filigrane Eisblumen, andere haben die Kraft eines Gebets. Karg wie die Landschaft am Polarkreis, aufs wesentliche reduziert sind ihre Lieder. Kari Bremnes Musik ist rhythmische Stille. Nichts an ihren Songs und Kompositionen erinnert irgendwie an die Geräusche, die gewöhnlicherweise aus dem Alltagsradio krachen. “Det Vi Har” wirkt dabei wie ein schleichendes Gift. Schnell wird man süchtig nach ihrer Stimme, den dezenten, treibenden Rhythmen, der Stimmung, die in Trance zu versetzen mag. Auch ohne norwegische Sprachkenntnisse kann man sich in diesem verführerischsten Album des Jahres 2017 verlieren.

Auf Radio-Skala ist Kari Bremnes‘ Musik in der Sendung Nordlichter und in der Sendung des Tagesprogramms  World Day zu hören.