Die besondere CD: Marc Pendzich „Selma“

Hoffnungsvolle Lieder im Angesicht des Abgrunds

Wie man angesichts von Not und Entbehrung Gedichte von solcher Lebens- und Liebeslust wie Selma Merbaum schreiben kann, ist auch heute 75 Jahre nach dem Tod des damals 18 jährigen jüdischen Mädchens in einem Arbeitslager der Nationalsozialisten kaum begreifbar. Continue reading

Ride Lonesome – Neofolk aus St. Pauli

Ride Lonesome “Once I had a future”

 

http://ride-lonesome.blogspot.de/

Folk und alternative Countrymusic sind schon seit Jahren die Leidenschaften von Thomas Piesbergen. Auch wenn er beim Punk begann, die Melancholie des Roadsongs lag ihm immer im Blut. Jetzt hat er mit seiner aktuellen Band “Ride Lonesome” ein Album produziert, das in dieser leicht resignierten Stimmung, zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit badet, die der Musik dieser Zeit so eigen war. Die 16 Songs könnten genauso gut in den 70er Jahren geschrieben worden sein, als man mit einem bedauernden Kopfschütteln feststellen musste, dass Woodstock bereits Geschichte ist. Erstaunlich ist an diesem Album, das es nicht altbacken wirkt, sondern in seiner musikalischen Vergangenheitssehnsucht textlich stark in der Gegenwart verhaftet ist. Der Band aus St. Pauli ist ein atmosphärisch stimmiges Album gelungen, bei dem die Kategorie “Neo-Folk” einen ganz eigene Klangnote bekommt.

Auf Radio-Skala ist die Musik von Ride Lonesome in der Sendung  Go West  zu hören

Karen Kassulat „Reise nach Korsika“

Sentimentales Sehnsuchtsalbum

www.karenmusik.de

Die schwäbische Diplom-Geografin Karen Kassulat hat in ihrem Leben schon an verschiedenen Orten Station gemacht, beruflich, wie georgrafisch. Sie hat sich umweltpolitisch engagiert, moderiert eine Radiosendung und hat als Musikproduzentin gearbeitet. Irgendwo auf dieser unsteten Reise durchs Leben landete sie auf Korsika und verliebte sich in Land und Leute. Da sie schon von klein auf selber musizierte, versuchte sie ihre neue Leidenschaft für Korsika in Lieder zu packen. Das Ergebnis ist die sentimentale Reiseerinnerung “Reise nach Korsika”, die sie zusammen mit den polyphonen Stimmen der korsischen Gesangsstars von I Muvrini aufgenommen hat. Die Musik auf ihrem Album “Reise nach Korsika” wird getragen vom Wunsch nach Gelassenheit, nach Stille und von der Erhabenheit der ungebändigten Insellandschaft dieses eigenwilligen Fleckchens Erde. Karen Kassulat singt von der Castagniccha, wünscht sich ans Meer, spricht über die Seele und über Träume. Sie nimmt den Hörer musikalisch mit auf den Weg zu ihrem Traumziel Korsika, mit all den Zwischenstationen, die über ihr, dem Hörer offen gelegtes Seelenleben führt. Ein paar poetischen Momente werden von Viktoria Brams vorgetragen, einer Schauspielerin und Synchronsprecherin, die ihre dunkle aber warme Stimme häufig Fanny Ardant, Julie Andrews und Catherine Deneuve lieh. “Reise nach Korsika” ist ein sanftes Sehnsuchtsalbum mit traumhaften Momenten.

Das Album erscheint im August 2017 bei Musik Maestro Please Music

Chawa Lilith – „Persian Prince“

Geschichten aus 13 und einer Nacht

Der Orient aus dem Blickwinkel des Märchens wirkt wie ein zauberhaftes Reich hinter einer Fata Morgana, eine Welt, die wir uns zurecht träumen, weit weg von der Realität, aber gefüllt mit Illusionen. Man sucht sich eine wunderschöne Geschichte und lässt sich zum Träumen inspirieren. Chawa Lilith ließ sich vom iranischen Musiker Hossein Alizadeh verzaubern. Sie tauchte tief ein in dessen arabische Aura und erschien mit Perlen vom Grund der Wunderlampe. Diese Perlen verband die Berliner Songwriterin nun zu ihrem Debütalbum „Persian Prince“. In 13 und einer Geschichte erzählt sie auf der Platte von persischen Prinzen in einem Rosengarten, von wunderschönen Frauen, fliegenden Teppichen, Dschinns, Hexen, Liebe und Magie. Musikalisch hat sie dabei einen Alleingang vollführt. Sie hat Gitarre, Cello, Bass, Gitarre, Perkussion und Synthesizer bedient und auch jedes Lied selbst gesungen. Dazu begleitet ein umfangreiches Booklet mit orientalischen Märchen die CD. Das Album „Persian Prince“ spiegelt die Verzauberung wieder, der Chawa Lilith erlegen ist. Eine Verzauberung, die vielleicht nichts mit Authentizität und der Auseinandersetzung mit der orientalischer Gegenwart zu tun hat, sondern ausgefüllt ist von der Farbenpracht der Fantasie.

Zeitlos Schön – „Essentials“ von Martin Kolbe und Ralf Illenberger

Zeitlos Schön

Lange war es still um das Gitarrenduo Illenberger-Kolbe, das in den 70er und 80er Jahren zu den gefragtesten Akustikgitarrenduos zählte. Doch das heißt nicht, dass die beiden nicht in irgendeiner Form aktiv waren. Während Martin Kolbe sich mit einer ernsten psychischen Erkrankung herumschlug und diese seither auch mit Hilfe der Musik unter Kontrolle hält, verlegte Ralf Illenberger seinen Arbeitsort nach Arizona, wo er zahlreiche Aufnahmen mit namhaften Künstlern arrangierte und produzierte. 2016 besannen sich beide Musiker auf ihre erfolgreichen Jahre als Akustikduo und kramten in ihren frühen Aufnahmen herum. Sie sichten das Material, stellten es auf ihnen angemessene Weise neu zusammen, masterten ein paar der Songs neu. Herausgekommen ist keine halbherzige Kompilation, die mal schnell Altes neu vermarkten soll, wie es bei Plattenfirmen häufig so üblich ist, wenn man Geld wittert. Nein. „Essentials“ ist ein fein sortiertes Doppelalbum, das schon deshalb dem Werk der Künstler gerecht wird, weil sie selbst für die Auswahl verantwortlich sind. Auch mit der Namenswahl des Albums machen sie das Wesentliche klar. Heute, wie damals treffen sie Töne und Emotionen mit ihren Songs, die weder von Modediktaten noch durch kommerzielle Befindlichkeiten gesteuert sind. Die Experimentierfreude, die beiden Musikern nie abhandengekommen ist, lässt sich auf den beiden CDs von „Essentials“ wunderbar nachvollziehen. Und obwohl es ein Blick auf ein vergangenes musikalisches Erfolgsrezept ist, wirkt das Album nicht wie eine sentimentale Werkschau auf die Vergangenheit, sondern wie eine Bestätigung, dass Musik von außerordentlicher Qualität auch immer zeitlos ist.

Entspannte Worldmusic von der Elbmündung Dagefoer „Jetsam“

Dagefoer „Jetsam“

 

www.dagefoer.de

Die Musiker der Gruppe Dagefoer haben sich in Hamburg zusammengefunden. Wo sonst mag man sich fragen, wenn man sich ihre Musik anhört. Das dritte Album der Band aus der Hafenstadt klingt ein bisschen nach in Musik gegossener Abendstimmung an der Elbmündung. Leichter Wind umweht die Ohren, während entspannte Klänge aus der Nähe und der Ferne harmonisch ineinanderfließen.  Hektik kommt auf dieser CD nicht auf. Es ist eher die Gelassenheit des Augenblicks, der man sich bei dieser Musik hingeben kann. Ein bisschen einatmen und ein bisschen mehr ausatmen. „Jetsam“ heißt das beruhigend schöne Album, das nicht nur konzeptionell, sondern vor allem auch künstlerisch überzeugen kann. Die neun Songs stammen alle aus eigenem Erleben und Erträumen, die Melodien suggerieren eine erzählerische Linie, die beinahe wie ein Soundtrack wirkt. Dabei stört es erstaunlicherweise überhaupt nicht, wenn über eine knappe Stunde kaum eine tempomäßige Abwechslung stattfindet. Im Gegenteil: Bleibt doch die Stimmung des langen ruhigen Flusses erhalten. Am popähnlichsten ist da noch der Song „In the Blind“, bei dem man tatsächlich auf eine Weise ins Mitschwingen kommt, als würde man auf einer leichten Dünung mit einer Jolle herumtanzen. Wunderbar harmonisch ist das Zusammenspiel von Saxophon und Harmonika (die auf dem Album das Bild von der Elbe am Deutlichsten hervorstechen lässt). Jazz, Worldmusic und entspannter Folk treffen mit dem Album „Jetsam“ von Dagefoer auf malerische Weise zusammen.

© Karsten Rube für Radio-Skala & Folkworld 2017

Junger Akustikpop aus Deutschland

Dry Dudes „Fairytale“

Junge Leute bei ihren ersten Schritten ins Musikbusiness zu beobachten ist, als schlage man ein altes Märchenbuch auf. Man sieht, die Hoffnungen und die Erwartungen in einer Welt voller Wunder, Gefahren und unerwarteten Lösungen. Vielleicht sogar etwas Zauberei. Und letztlich sollte immer alles gut gehen. Vielleicht war dies der Grund, warum die beiden jungen Männer aus dem Emsland unter dem Bandnamen Dry Dudes ihr Debüt-Album „Fairytale“ nannten. Erwin Holm und Patrick Schütte haben sich auf einem Musikwettbewerb in Norddeutschland kennengelernt. Ihre Vorstellungen von Akustik-Pop überschnitten sich. Sie probierten sich musikalisch aus und testeten ihre ersten gemeinsamen Versuche im Internet. Auf sozialen Netzwerken verbreiteten sie ihre Melodien, ein Ort auf den die Talentscouts ebenso aufmerksam ihre Teleskope gerichtet haben, wie die musikalischen Skalpjäger. Nun ist es also erschienen, ihr erstes musikalisches Ausrufezeichen auf CD, mit zwölf gefühlvollen Liedern, Liedern voller Fantasie. Mal spielvergnügt, mal von einer leisen Melancholie durchzogen, breiten die Dry Dudes ihre eigenen musikalischen Ideen von Akustikpop vor dem Hörer aus. Singen vom Leben, von Erfahrungen, von Hoffnungen und von Liebe. Die überraschend reife Stimme Erwin Holms und das feinfühlige Gitarrenspiel von Patrick Schütte ergänzen sich hervorragend, ganz dezente elektroakustische Verfeinerungen unterstützen die beiden Jungs an passender Stelle. Ein feines Debüt auf dem Weg in den Märchenwald der Musikindustrie. Mögen sie den bösen Wolf erkennen, wenn sie ihn sehen.

Telmo Pires – Leidenschaft aus Lissabon

Telmo Pires „Ser Fado“

 

Wenn man vom Fado, dem portugiesischen Universalbegriff für gesungenen Leidenschaft reden will, kommt man letztlich nie an Amalia Rodrigues vorbei. Die Königin des urbanen Blues der Portugiesen beherrscht auch nach ihrem Tod, und der ist bald zwanzig Jahre her, die Musik der Fadosängerinnen und -sänger. Das ist bei aller Leistung Amalias ein Problem für die nachfolgenden Generationen. Stars, wie Misia, Mariza, Carminho werden immer an ihr gemessen und stilistische Variationen, eigene Wege im Fado mit Argusaugen beobachtet. Telmo Pires könnte mehr als ein Lied davon singen. Tut er aber nicht, denn er hat längst seine eigene Fadostimme gefunden. Das Album „Ser Fado“ hat er in Lissabon produziert. Klingt erstmal nicht ungewöhnlich für ein Fadoalbum. Aber der Weg dahin war lang und ungewöhnlich. Pires ist in Portugal geboren, im Ruhrgebiet aufgewachsen und in Berlin erwachsen geworden, wo er sich ausgiebig dem Fado widmete. In Berlin ist alles exotisch Wirkende erstmal willkommen. Ein Fadosänger, der Berlinern kann, macht diese Stadt noch ein bisschen bunter. Und doch, ist ein Fadosänger in Berlin etwas anderes als ein Faodsänger in Lissabon. Kann man sich dort behaupten, wo das Lied seinen Ursprung, seine Heimat, seine Jünger und Wächter hat? Pires tat den gewagten Schritt und zog nach Lissabon, um die Luft und die Seele der Stadt am Tejo zu atmen. „Ser Fado“ – „Fado sein“ ist das Ergebnis seines Versuches, eins zu werden mit der Stadt Amalias, Fuß zu fassen in seiner Heimat, ohne zu vergessen, wo seine Wurzeln über die Jahre die Kraft für sein Werden fanden. Fado ist oft auch ein Ausdruck für Zerrissenheit, für die Saudade, die Sehnsucht nach etwas, das sich immer dort befindet, wo man sich selbst im Moment nicht befindet. Wenn man ein Kind zweier Welten ist, wie Telmo Pires, mag Fado vielleicht die perfekteste aller Ausdrucksmöglichkeiten sein. Es spricht für seine Kunst, dass er sich dabei nicht von den Trends verbiegen lässt, die den Fado aus der urbanen Umarmung in die Globalisierung der Weltmusik drängt. Popmusik war Fado nie, auch wenn heute E-Orgeln, Schlagzeug und elektronische Klangelemente diese Musik modernisieren sollen – und sie häufig genug nur verwässern. Auf „Ser Fado“ hat Pires sich dem Ursprung des Fados in seiner Klarheit genähert, ohne dabei alte Klangbilder zu kopieren. Die Starke des Albums liegt dabei darin, dass Telmo Pires nicht interpretiert, sondern den Fado aus seinem Herzen sprechen lässt. Lediglich am Ende der CD greift er im Lied „Silêncio no meu coração“ auf eine Idee von Amalia Rodrigues zurück. Womit sich der Kreis schließt. Denn an Amalia kommt man im Fado letztlich nicht vorbei.

Karsten Rube für Radio-Skala & www.folkworld.eu