CD-Empfehlung im Monat Juli: Jagun „Transatlântico“

Jagun  „Transatlântico“

Deutschland 2022
12 Songs; 46:30 min
Jagun Records
 

“ … als hätte ich vorher alles in Schwarz-Weiß gesehen und auf einmal hat jemand den Farbfilm erfunden. Es hat mich tief berührt und alles verändert….“ Diesen Satz lässt der Reporter Marc Fischer die Sängerin Miúcha in seinem Buch “Auf der Suche nach João Gilberto” sagen. Miúcha war seine zweite Frau.
Antônio Carlos Jobim, Vinícius de Moraes und João Gilberto gelten als Erfinder der Bossa-Nova. Die drei Musiker verbanden Samba und Cool Jazz miteinander und kreierten einen neuen Sound, der schnell um die Welt ging. Einen Sound zwischen sonniger Heiterkeit und besinnlicher Melancholie. Melancholie ist Sehnsucht. Sie besitzt eine Kraft, die kreative Höhen und Tiefen ausloten kann. João Gilberto konnte viele Lieder davon singen. Als sein großer Erfolg vergangen war, tauchte er unter und ließ sich nicht mehr öffentlich sehen. Der Reporter Marc Fischer hat seine Suche nach João Gilberto in seinem wunderbaren Buch beschrieben.
Die in Berlin lebende Sängerin Eva Jagun hat sich vor Jahren mit Bossa-Nova infiziert. Ihr neues Album „Transatlantico“ ist ebenfalls inspiriert von der Geschichte dieser Suche nach Mr.Ho-Ba-La-La, wie Gilberto nach einem seiner Songs benannt wurde. Selbst sucht sie Wege, Bossa-Nova als Grundstimmung ihrer eigenen Musik neu zu gestalten. Auf dem Album „Transatlantico“ gelingt ihr das in vielfältiger Weise. Der traurige Titel “Bei dir war es immer so schön”, ein alter Song von Theo Mackeben aus dem Jahre 1938, wird von Eva Jagun gleich zweimal interpretiert. Unter dem Titel “Partir” in einer portugiesisch gesungenen Adaption und zum Ende des Albums auf Deutsch. Hier getaucht in einen hoffnungsvoll-melancholischen Charme, wie ihn wohl nur die Bossa-Nova auszudrücken weiß.
Diese hoffnungsvolle Beschwertheit überträgt Jagun auf die Stimmung des gesamten Albums. ”Hurting” könnte direkt aus der Seele und von der Gitarre João Gilbertos übernommen worden sein, so sehr huldigt sie in diesem Lied musikalisch ihrem Vorbild.
Der Song “Sahara Blues” gleitet etwas von der Linie ab. Hier hören wir eher einen guten Folksong im Americanastil, reduziert, geradlinig, fesselnd. Ähnliches gilt für “Coming home”. In “Distant Skies” hätte die Künstlerin den Mann an der E-Orgel für meinen Geschmack allerdings etwas zügeln dürfen.
Bewundernswert ist an den Songs des Albums, dass häufig komplizierte Melodieführungen mit einer spielerischen Leichtigkeit zelebriert werden. Versuchen sie mal, den Chorpart am Ende von “Mr.Ho-Ba-La-La” auf Anhieb mitzusingen. Dieser Song ist direkt der Suche nach João Gilberto gewidmet.
Eva Jagun hat die Zeit der Coronabeschränkungen schlau genutzt. Statt sich einzuigeln und abzuwarten, bis man wieder mit anderen Künstlern im Studio arbeiten kann, nutzte sie die vernetzte Welt. Soundfile um Soundfile schickte sie zu befreundeten Musikern im In- und Ausland. Jeder setzte in den vorhandenen Studios oder zu Hause eigene Elemente hinzu. Ideen und Kompositionen, fanden schließlich zueinander und wurden elegant zusammengesetzt, gemischt, überarbeitet. Deshalb setzt sie selbst der CD den ironischen Untertitel: “The World Wide Wuhan Sessions” hinzu.
Das Ergebnis ist schon von seiner technischen Seite betrachtet, ein Glanzstück. Durch diese File-to-File-Austauschsession hatte das musikalische Team ausreichend Zeit, sich detailreich mit der Produktion des Albums zu befassen, was man dieser liebevoll erstellten Platte bei jedem Takt anhört. Selten findet man so viele hervorragende Musiker auf einem Album versammelt. Eva Jaguns musikalische Begleiter sind unter anderen Beba Zanetti am Piano und Manuel Zacek am Bass. Zacek ist auch an den meisten Kompositionen beteiligt. Daniel Topo Gioia ist natürlich dabei, der Jazztrompeter Florian Menzel, eine ganze Armada klassischer Streicher und jazzorientierter Bläser sowie verschiedene Backgroundsängerinnen und -sänger aus dem Musicalbereich.

Aber ganz abgesehen von all dem Gesagten und Gelobten, ist Eva Jaguns Album “Transatlântico” einfach hinreißend und wunderschön.

© Karsten Rube 2022 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio Skala ist  Eva Jaguns Musik in den Sendungen Brasil , Womens Voices und im laufenden Tagesprogramm zu hören.

 

Frische Fische- Neuvorstellungen auf Radio-Skala im Juli 2022

Frische Fische im Juli 2022 - Neuvorstellungen auf Radio-Skala

Am Samstag, 09. Juli 2022 um 18:00 Uhr

Am Sonntag, 10. Juli. 2022 um 11:00 Uhr

Am Mittwoch, 13. Juli 2022 um 20:00 Uhr

Natiruts

Natiruts
Brasilien

Aus dem Album:
Good Vibrations Vol. 1
hören sie die Titel:

Que Bom Você
De Tanto Sol

Mit ihrer sonnigen Mischung aus Reggae und brasilianischer Popmusik verbreitet die brasilianische Band Natiruts regelmäßig gute Laune. "Good Vibrations Vol.1" versammelt ein paar Songs, die während der Coronapause entstanden sind. Keine Spur von Frust und schlechter Stimmung ist darauf zu hören. Im Gegenteil. Der Soundtrack eines postiven Blicks in die Zukunft ist den Musikern der Band  mehr als nur gelungen.

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Eva Jagun

Eva Jagun
Deutschland

Aus dem Album:
Transatlântico
hören sie die Titel:

Silent Blue
Mr. Ho-Ba-La-La

Eva Jagun hat sich vor Jahren mit Bossa-Nova ínfiziert. Seit dem ist sie musikalisch immer auf einem Kurs zwischen sonniger Heiterkeit und besinnlicher Melancholie, also recht brasilianisch orientiert. Das neue Album  "Transatlantico" ist inspiriert von der Geschichte des erfolgreichen Erfinders der Bossa Nova João Gilberto. Als der große Erfolg vergangen war, tauchte er unter und ließ sich nicht mehr öffentlich sehen. Der Reporter Marc Fischer hat seine Suche nach João Gilberto in einem wunderbaren Buch beschrieben. Mr. Ho-Ba-La-La, wie Gilberto nach einem seiner Songs benannt wurde, wird auch von Eva Jagun musikalisch gesucht. Es gelingt der Sängerin komplizierte Melodieführungen federleicht klingen zu lassen.  Die Melancholie der Bossa besitzt eine die Kreativität fördernde Antriebskraft. Davon profitiert diese brillante und liebvoll produzierte CD.

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Andrea Motis

Andrea Motis
Spanien

Aus dem Album:
Loop Holes
hören sie die Titel:

I had to write a song for you
Babies

Die einstige Schülerin des Jazzlehrers Joan Chamorro aus Barcelona hat sich rasant zu einer gefragten Jazztrompeterin entwickelt. Dazu gesellt sich ihre lebhafte Art Songs gesanglich zu gestalten. Loop Holes ist ein reifes Jazzalbum, dass sie kein Jahr nach ihrer erfolgreichen Produktion mit der WDR-Bigband eingespielt hat.

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Matt Bianco

Matt Bianco & New Cool Collective
England

Aus dem Album:
High Anxiety
hören sie den Titel:

Unconditional

 

Jemand, der mit der Band Matt Bianco einst zu den gefragtesten Acts des unterhaltsamen Brit-Pops gehörte, wie der Musiker Mark Reilly, der als kreativer Kopf  des Ensembles fungierte, hört nicht einfach auf, Musik zu machen. In vergangenen Jahren scharrte er ein paar Jazzmusiker um sich und gründete das New Cool Collective. Seit 2016 produzierte er ein paar äußerst gelungene Jazzplatten, die den Charme seiner frühen Latin-Pop-Erfolge nicht vermissen lassen. Das 2020 entstandene Album "High Anxiety" jongliert mit Ska, New Wave, Latin-Pop und Jazz.

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Maria Lovas

Marie Løvås
Norwegen

Aus dem Album:
Natta Ser Det Som Ingen Ser
hören sie die Titel:

Tor vi
Slippe taket

Marie Løvås "Natta Ser Det Som Ingen Ser" erschien im Februar unter der Produktion der Kirkelig Kulturverksted. Die Norwegerin legte ein Debütalbum hin, das bereits nach kurzem Hören ein Verlangen nach mehr förderte. Die Songs, die sie auf Norwegisch vorträgt, sind von einem treibenden Rhythmus beseelt, der Pop und Countryelemente ebenso benutzt, wie die erzählerische Kraft des Songwritergenres. Dabei spielt sie wunderbar mit Stilen, die zwischen hoffnungsvoller Fröhlichkeit und gedankenschwerer Melancholie wechseln. Ihre helle Stimme verzaubert. Die klaren Arrangements lassen einen nicht los

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Helsinki Cotonou Ensemble

Helsinki Cotonou Ensemble
Finnland

Aus dem Album:
Helsinki-Cotonou-Ensemble
hören sie die Titel:

Happiness For all
For the one who sees today

Das können die Finnen gut : Afro-Beat. Das Helsinki-Cotonou-Ensemble besteht zum großen Teil aus finnischen Musikern, mit einem Hang zu afrikanischer Tanzmusik. Zu den finnischen Künstlern gesellen sich allerdings ein paar Profis aus Afrika, die musikalisch den Ton angeben.  Das aktuelle Album, das nur den Namen der Band trägt, bringt Afro-Jazz und Funkmusik in den Topf und kocht diese Mischung auf heißer Flamme auf. Geht ab.

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Simona Molinari

Simona Molinari
Italien

Aus dem Album:
Petali
hören sie die Titel:

Tempo da consumare
Un libro nuovo

Die vielseitige Pop- und Jazzsängerin Simona Molinari veröffentlicht mit "Petali" ein Rundum-Sorglospaket italienischer Popmusik. Bester Laune hört man die Neapolitanierin singen und möchte nur eins: "Mitsingen". Das können die Italiener.

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Melody Gardot

Melody Gardot
Frankreich

Aus dem Album:
Entre eux deux
hören sie die Titel:

What of your eyes
Perhaps you'll wonder while

Zu den großen Talenten der Künstlerin Melody Gardot gehört es, sich selbst zu reduzieren. Den Minimalismus ihrer Interpretation hat sie nun so weit vorangebracht, dass sie auf dem Album "Entre eux deux" fast nur noch am Hauchen ist, während sie von Phillipe Powell am Klavier begleitet wird. Und obwohl es fast ausschließlich leise und langsam auf der CD zugeht, ist das, was Frau Gardot präsentiert, sehr feine, sehr sensible Vortragskunst, die qualitativ ihres Gleichen sucht.

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CD-Empfehlung im Monat Februar: Cristina Branco „Eva“

Cristina Branco  „Eva“

Portugal 2020
10 Songs; 35:53 min
O-Tone Music

Cristina Branco ist mehr als eine Fadosängerin. Ihr großer Erfolg in den Jahren ihrer Karriere bei Universal-Music war sicher voller Arbeit und Erfüllung. Trotzdem genügte es ihr irgendwann nicht mehr. Die Frage, die sich viele Leute an einem bestimmten Punkt ihres Lebens stellen, lautete: “Was ist Freiheit”. Als Künstlerin hatte sie bereits einige kreative Freiheiten. Deshalb war sie schon früh in ihrer Karriere darüber hinaus, sich auf Fado festlegen zu lassen. Aber war das ausreichend? War das die Freiheit, die sie wollte?

Sie erfand ein Alter Ego. Eine Kunstfigur, die mehr von ihr preisgeben sollte, als das Bild der erfolgreichen Künstlerin hergab. Sie erfand “Eva”, eine Frau, die mehr Spielraum bekommen sollte, als Cristina in ihrer Rolle als Vertreterin der Interessen einer Plattenfirma. Sie löste sich von Universal und begann eine Trilogie auf den Weg zu bringen. “Menina”, “Branco” und “Eva” zeigen die Gedanken und Gefühle derselben Person, zu unterschiedlichen Zeiten des Lebens. “Menina” als neugieriges Mädchen, der die Zukunft gehört. “Branco”, als lebendige, selbstbewusste Frau, die Mitten im Leben steht und nun “Eva”, die gereifte Frau, die reichlich Lebenserfahrung in ihrem Herzen trägt. Drei Alben, die nicht als Hohelied auf die Weiblichkeit gedacht sind, sondern als Bestandsaufnahme des Seins in all seinen Facetten, vom Selbstbewusstsein bis hin zur Verletzlichkeit.
Eine große Bandbreite an Künstlern begleitete Cristina Branco beim kreativen Gestalten der Songs. Musiker aus Pop, Rap, Jazz, aus der traditionellen Musik und der Klassik schrieben für sie Lieder. Literaten, ein Nobelpreisträger dichteten an den Texten. Wie “Menina”, und “Branco” ist auch “Eva” hinreißend und emotional. Stimme, Musik und Poesie finden im gemeinsamen Fluss zusammen. Obwohl sie ihre Lieder als Kunst vorträgt, die gezielt ersonnen und erarbeitet wurden, erlebt man sie lauteren Herzens.
Die Trilogie, die in “Eva” nun ihr vorläufiges Ziel gefunden hat, erreicht den Hörer wie eine innige Umarmung.

© Karsten Rube 2021 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio Skala ist  Cristina Brancos Musik in den Sendungen Lusofonia und  Womens Voices zu hören.

Promenieren Sie mal wieder

Antoine Villoutreix
"Promenade”

Deutschland 2021
15 Tracks; 54:01 min
Sungroove Records
www.antoinevilloutreix.com

Wissen Sie noch, wie das ist, unter den frisch erblühten Bäumen auf dem Boulevard “Unter den Linden” unbeschwert zu lustwandeln? Ja? Dann sind Sie auch schon etwas älter. Denn nicht nur das Virus hat diese Form des Flanierens in weite Ferne gerückt, nein, auch der Begriff Lustwandeln ist vergessen, denn er ist ein Begriff aus der Vormaskenzeit. Und überhaupt haben die Baustelle der Kanzler-U-Bahn, der Schlossneubau und die Jahrzehnte dauernde Sanierung der Staatsbibliothek diese Straße lange vom Promenieren ausgeschlossen. Aber Hoffnung überlebt und es muss ja nicht “Unter den Linden” sein. Promenieren kann man auch an anderen Orten und das selbst im Schnee des Winters mit frühlingsleichter Musik von Antoine Villoutreix. Das Album “Promenade” des französischen Wahlberliners ist voller freundlich duftender musikalischer Blüten, die durch grüne Stadtkieze begleiten. Gleichwohl kann man bei seinen Chansons, Swingmelodien, folkig-rockigen und vom Country inspirierten Songs an der Spree, wie an der Seine spazieren gehen, Flohmärkte besuchen, in Cafès abhängen oder nachts um die Häuser ziehen. All diese Themen einer unbeschwerten Vergangenheit und einer hoffentlich wiedererwachenden Lebenslust in nicht allzu ferner Zukunft, finden sich in den 15 Liedern der CD “Promenade”. Villoutreix baut dabei nicht auf streichzarte Poesie, sondern agiert mit freundlicher Straßenromantik. Für ihn ist die Stadt kein vordergründig ruppiger Ort, sondern Inspiration und Lebensinhalt. Selbst die Melancholie, die er beim Betrachten des grauen Himmels durch das Fenster seiner Wohnung empfindet, hat nichts Deprimierendes. Das Ensemble, das den Musiker durch die Songs begleitet, weist allerhand Namen auf, die auch schon anderen Ortes für ausgezeichnete Produktionen sorgten. So ist Danny Dziuk am Keyboard ausfindig zu machen, ebenso der Kopf vom Club des Belugas Maxim Illion. Mischa Tangien vom Babylon Orchestra arrangierte die Strings im Song “Le Vacarme”. Einige der Streicher sind sonst eher in der Klassik und am Theater zu finden. Und auch vom Modern Balkan Swing Ensembles Django Lassie fanden Musiker zur Produktion, dieses abwechslungsreichen und Lebensfreude weckenden Albums.

© Karsten Rube 2021 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Antoine Villoutreix in der Sendung Heimatklang und in der Sendung Tour de France zu hören.

Krämer liebt Deine Tante

Sebastian Krämer
"Liebeslieder an Deine Tante”

Deutschland 2020
18 Tracks; 69:53 min
Broken Silence
www.sebastiankraemer.de

Wirklich Mut macht diese CD beim ersten Hören nicht. Krämers "Liebeslieder an Deine Tante" ist trotzdem ein Meisterwerk der hinterhältigen Lyrik und der musikalischen Feinfühligkeit. Krämer streckt keinen Zeigefinger in die Luft oder ermahnt den Hörer ein besserer Mensch zu werden. Man bemerkt bei ihm eher ein zaghaftes Schulterzucken. "Menschen sind halt so", scheint er zu sagen. "Man muss sie ja nicht mögen." Und doch, neben aller Melancholie, die man in den Stücken hört oder ahnt, schwingen liebevolle Momente auf, wie besonders im Text des Songs "Kein Liebeslied für Dich" oder bei "Mit dazu" zu Hören ist.
Der in Berlin lebende Chansonnier besitzt einen berührend altmodischen morbiden Charme. Neben seiner pointierten Klavierbegleitung lässt er kammermusikalische Perlen erklingen. Es sind wunderschöne Streicherarrangements, die seine Songs untermalen. Dafür zeichnen das Streichquartett Bowhème und die Sonnenunter-Gang verantwortlich. Nahezu klassisch kommt uns Krämer im "Neuen Reiselied". Hier glaubt man fast, Mozart hätte Heinrich Heine vertont. Krämers Tochter Hedwig kommt ebenfalls zum Zuge. "Frau Zielinski und der Finsterling" wäre ein wunderschönes Kinderlied, wäre der Text nicht eine Analyse einer klinisch depressiven Grundschullehrerin aus der Sicht einer Heranwachsenden.
Krämers Lieder sind selbst in den bizarren Momenten, an den Stellen, an denen andere Liederdichter in die Resignation abgleiten, so harmonisch, dass man in einen verhaltenen Freudentaumel verfällt und dabei wieder Hoffnung schöpft. Und sei es nur, weil Krämer einem das Gefühl gibt, dass die deutsche Sprache immer noch ihre schönen Seiten hat.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Sebastian Krämer in der Sendung Heimatklang zu hören.

Sehnsucht nach Ferne – Sehnsucht nach Nähe

Cobario
"Weit weg”

Österreich 2020
10 Tracks; 42:49 min
Independent Audio Management
https://www.cobario.com/

Mit welcher Selbstverständlichkeit wir in der zivilisierten Welt unsere Freiheit genossen haben, merken wir erst jetzt wirklich, wo sie plötzlich auf Grund der Diktatur einer unsichtbaren viralen Macht eingeschränkt ist. Soziale Kontakte, Freundschaften bleiben erhalten, wenn sie digitalen Mustern folgen können. Doch persönliche Momente bleiben auf der Strecke, wenn eine räumliche Distanz besteht. Sie ersetzen, kann das digitale Ersatzleben nicht. Und von der Freiheit des in der Welt Herumstrolchens kann man derzeit nur träumen. Das allerdings intensiv, denn Reisen kann und muss man nun medial: virtuell, literarisch oder musikalisch. Bei Letzterem helfen uns die drei Musiker der Gruppe Cobario aus Wien. “Weit weg” heißt ihr aktuelles Album, und der Titel verweist aktuell nicht mehr nur auf ein Träumen, sondern besitzt bereits einen Hauch des Flehens. “Weit weg” kommen wir, wenn wir uns in den Gedankenflügen verlieren, die die Musiker Herwig Schaffner, Georg Aichberger und Jakob Lackner mit Gitarren und Violine wecken. Für Überraschung sorgt ihre neu gefundene Gesangsstimme, die im aktuellen Album vermehrt in den Titeln erscheint. Scheinbar ziellos treiben sie den Hörer durch die Welt. Beginnen sie mit “El Mariachi” mit etwas Sonnenbrand und träge durchs gedachte Bild rollenden Steppenläufern, nehmen sie in “Lucky Punch” in bester Bluegrassstimmung Fahrt auf. “Kreise im Sand” nahm bei der Produktion, Monate vor der Coronakrise, die derzeit unerfüllbare Sehnsucht vorweg, frei und unbefangen, träumend und voller Freude grenzenlos zu sein. Und so führen sie den Hörer weiter an der Hand durch Welten und Kulturen und zu Menschen, denen sie begegneten, fernab der eigenen Begrenztheit. Aber auch dicht in die unmittelbare Nachbarschaft, wie es in dem schnuckelig, schnulzigen Lied “Mein Wien” herrlich heimelig zu hören ist. Slawische, orientalische, lateinamerikanische und iberische Einflüsse durchziehen ihre durchweg virtuosen musikalischen Linien. Einflüsse, mit denen sie sich in den Jahren vagabundierenden Musizierens an den verschiedensten Orten der Welt infiziert haben. “Weit weg”, das kann Reisen und Freiheit sein, aber auch Trennung und Abstand, wie im Abschlusslied deutlich wird. In beiden Fällen bedeutet “Weit weg” Sehnsucht. Eine Sehnsucht, der wir uns jetzt um einiges bewusster werden. Cobario liefert den passenden musikalischen Tonfall dazu.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik vom Cobario in der Sendung Heimatklang zu hören.

Telmo Pires – Verstand und Sinnlichkeit am Tejo

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Telmo Pires
“Através Do Fado”

Portugal 2020
10 Tracks; 35:28 min
Traumton Records
www.telmopires.pt

 

Fado lebt einzig und allein von der Wahrhaftigkeit des eigenen Gefühls. Kaum ein Vertreter dieses bedeutendsten musikalischen Seelenschaufensters Portugals hat dieses Empfinden so verinnerlicht, wie Telmo Pires. In Bragança im Norden Portugals geboren, wanderte er mit seinen Eltern früh ins Ruhrgebiet ein, lebte lange in Berlin und kehrte schließlich heim an den Ort, der für den Fado Ausgangspunkt und Schicksal gleichermaßen darstellt: Lissabon.
Zehn Jahre sind seit dem vergangen. Pires ist längst angekommen und steht heute solitär als männlicher Vertreter des Fados in seiner neu angenommenen Heimat. Zwar gibt es hervorragende Fadosänger, doch bisher vermarkteten die Labels lieber bekannte weibliche Größen des Genres, wie Misia, Mariza und Ana Moura. So blieb der männliche Fadointerpret eher unter dem Horizont. Als Pires anfing, Fado in Portugal zu produzieren, begann ein stetiger Kampf gegen das Reinreden, wie man den Fado zu singen, zu spielen hat. Dank der jahrelang gelebten Berliner Schule des “Lass ihn reden”, hob Pires bestenfalls eine frisierte Augenbraue und setzte seine eigenen Maßstäbe. Und diese beruhen, wie auf dem aktuellen Album “Através do Fado” deutlich zum Ausdruck kommt, allein auf Gefühl und Verstand. “Durch den Fado”, wie man den Albumtitel übersetzt, lässt Pires den Hörer am Erleben von Musik, Sehnsucht und Leidenschaft teilhaben. Zehn einfühlsame Lieder hat Telmo Pires und sein genialer Violoncello spielender Produzent und Arrangeur Davide Zaccaria für das Album herausgesucht oder neu komponiert. Manche neigen zur Schwermut, in anderen agiert Pires mit ungewohntem Überschwang, denn Fado bedeutet nicht Leiden, sondern Leben.

Um Fado überzeugend zu interpretieren, benötigt man zwei wichtige Eigenschaften, die sich im ersten Moment ausschließen. Fehlende Eitelkeit, um sich ganz ohne Scheu vollkommen durch Musikalität und Ausdruck dem Publikum hinzugeben und selbstbewusste Eitelkeit, die dem Publikum bewusst macht, dass man sich genau das traut. Telmo Pires beherrscht beide Facetten dieser Darstellung meisterhaft.

Mit jeder Zeile, ob selbst geschrieben oder interpretiert öffnet Telmo Pires auf seinem Album: „Através do Fado“ sein Herz weit und lädt ein, mit ihm die grundehrlichste Gefühlsregung der Portugiesen zu genießen: die Saudade.

© Karsten Rube 2020 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Telmo Pires in der Sendung Lusofonia zu hören.

Zouzoulectric – geschmackvoller NeoSwing im Cocktailshaker

Zouzoulectric “Society of Fragments”

Deutschland 2018 11 Tracks; (ChinChinRecords, www.zouzoulectric.com)

Jüngstes Soulfood aus der Soundschmiede von Jürgen Kausemann ist die CD “Society of Fragments”, die er mit seinem Projekt Zouzoulectric produziert hat. Soul, NuJazz, NeoSwing, Lounge und Electropop sind hier wieder einmal perfekt in Einklang gebracht worden. Tanzbare Clubsongs für Tanzbars und Songclubs finden sich auf dem Album. Doch die Songs sorgen auch am heimischen Herd für allerhand virtuose Unterstützung. Neben einigen frischen Songs hat Zouzoulectric auch bereits veröffentlichtes ChinChin-Material vom Bahama Soul Club und dem Club des Belugas im Remix an das Ende des Albums gestellt. “Society of Fragments” besitzt die erfrischende Coolness des Labels. Wer sich regelmäßig Alben von ChinChin Records anhört, braucht kein Eis mehr im Cocktail.

© Karsten Rube 2018 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Zouzoulectric in der Sendung World Dance zu hören.

Lily Dahab – Musik für Sommernächte unter einem gemeinsamen Himmel

Lily Dahab “Bajo un mismo cielo”

Deutschland 2018
11 Tracks; 53:35 min
Herzog Records
www.lilydahab.com

Wer in lauen Sommernächten lieber träumt, als schwitzt, dem sei das neue Album der in Berlin lebenden Sängerin Lily Dahab ans Herz gelegt. Die Argentinierin stellt mit “Bajo un mismo cielo” bereits ihr drittes Soloprojekt vor. Während sie sich auf den CD’s “Nomade” und “Huellas” in den musikalischen Gefilden ihrer Heimat aufhielt und mit Tango, Folklore sowie lateinamerikanischem Jazz ebenso zu jonglieren wusste, wie mit spanischem Pop, versucht sie auf ihrem aktuellen Album auch den Klangkosmos Brasiliens einfließen zu lassen. Mit ihrer zauberhaften Stimme überschreitet sie tänzelnd die stilistischen Grenzen zwischen Bossa, Jazz, Tango und Folklore, ohne je ihren sicheren Blick für Klangästhetik zu verlieren. Der Song “Hurry” ist eine Latinjazzinterpretation der exzellenten Art. Zeitlos wirken ihre Interpretationen solcher Klassiker, wie „Nada“ und „Gracias a la vida“. Schmelzen möchte man bei “Dejame llorar” und wenn Bene Apendannier im Titelsong ““Bajo un mismo cielo” sein Klaviersolo zelebriert, wird dem aufmerksamen Hörer schwindelig. Umgeben hat sich die offensichtlich nur mit einem freundlichen Lächeln anzutreffende Sängerin wieder mit einem Stamm brillanter Musiker. Neben erwähntem Pianisten und Arrangeur Bene Apendannier wirken unter anderem der Bassist Andreas Henze sowie Topo Gioia mit seiner unverwechselbaren Perkussion mit.  Was Musik an Gefühlen beherbergt und wie sie sich lösen können, wird beim Genießen der wunderbaren CD “Bajo un mismo cielo” von Lily Dahab mehr als deutlich.

© Karsten Rube 2018 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio-Skala ist die Musik von Mariza in der Sendung Latin und in den  „Womens Voices“ zu hören.