CD-Empfehlung im Monat Juli: Jagun „Transatlântico“

Jagun  „Transatlântico“

Deutschland 2022
12 Songs; 46:30 min
Jagun Records
 

“ … als hätte ich vorher alles in Schwarz-Weiß gesehen und auf einmal hat jemand den Farbfilm erfunden. Es hat mich tief berührt und alles verändert….“ Diesen Satz lässt der Reporter Marc Fischer die Sängerin Miúcha in seinem Buch “Auf der Suche nach João Gilberto” sagen. Miúcha war seine zweite Frau.
Antônio Carlos Jobim, Vinícius de Moraes und João Gilberto gelten als Erfinder der Bossa-Nova. Die drei Musiker verbanden Samba und Cool Jazz miteinander und kreierten einen neuen Sound, der schnell um die Welt ging. Einen Sound zwischen sonniger Heiterkeit und besinnlicher Melancholie. Melancholie ist Sehnsucht. Sie besitzt eine Kraft, die kreative Höhen und Tiefen ausloten kann. João Gilberto konnte viele Lieder davon singen. Als sein großer Erfolg vergangen war, tauchte er unter und ließ sich nicht mehr öffentlich sehen. Der Reporter Marc Fischer hat seine Suche nach João Gilberto in seinem wunderbaren Buch beschrieben.
Die in Berlin lebende Sängerin Eva Jagun hat sich vor Jahren mit Bossa-Nova infiziert. Ihr neues Album „Transatlantico“ ist ebenfalls inspiriert von der Geschichte dieser Suche nach Mr.Ho-Ba-La-La, wie Gilberto nach einem seiner Songs benannt wurde. Selbst sucht sie Wege, Bossa-Nova als Grundstimmung ihrer eigenen Musik neu zu gestalten. Auf dem Album „Transatlantico“ gelingt ihr das in vielfältiger Weise. Der traurige Titel “Bei dir war es immer so schön”, ein alter Song von Theo Mackeben aus dem Jahre 1938, wird von Eva Jagun gleich zweimal interpretiert. Unter dem Titel “Partir” in einer portugiesisch gesungenen Adaption und zum Ende des Albums auf Deutsch. Hier getaucht in einen hoffnungsvoll-melancholischen Charme, wie ihn wohl nur die Bossa-Nova auszudrücken weiß.
Diese hoffnungsvolle Beschwertheit überträgt Jagun auf die Stimmung des gesamten Albums. ”Hurting” könnte direkt aus der Seele und von der Gitarre João Gilbertos übernommen worden sein, so sehr huldigt sie in diesem Lied musikalisch ihrem Vorbild.
Der Song “Sahara Blues” gleitet etwas von der Linie ab. Hier hören wir eher einen guten Folksong im Americanastil, reduziert, geradlinig, fesselnd. Ähnliches gilt für “Coming home”. In “Distant Skies” hätte die Künstlerin den Mann an der E-Orgel für meinen Geschmack allerdings etwas zügeln dürfen.
Bewundernswert ist an den Songs des Albums, dass häufig komplizierte Melodieführungen mit einer spielerischen Leichtigkeit zelebriert werden. Versuchen sie mal, den Chorpart am Ende von “Mr.Ho-Ba-La-La” auf Anhieb mitzusingen. Dieser Song ist direkt der Suche nach João Gilberto gewidmet.
Eva Jagun hat die Zeit der Coronabeschränkungen schlau genutzt. Statt sich einzuigeln und abzuwarten, bis man wieder mit anderen Künstlern im Studio arbeiten kann, nutzte sie die vernetzte Welt. Soundfile um Soundfile schickte sie zu befreundeten Musikern im In- und Ausland. Jeder setzte in den vorhandenen Studios oder zu Hause eigene Elemente hinzu. Ideen und Kompositionen, fanden schließlich zueinander und wurden elegant zusammengesetzt, gemischt, überarbeitet. Deshalb setzt sie selbst der CD den ironischen Untertitel: “The World Wide Wuhan Sessions” hinzu.
Das Ergebnis ist schon von seiner technischen Seite betrachtet, ein Glanzstück. Durch diese File-to-File-Austauschsession hatte das musikalische Team ausreichend Zeit, sich detailreich mit der Produktion des Albums zu befassen, was man dieser liebevoll erstellten Platte bei jedem Takt anhört. Selten findet man so viele hervorragende Musiker auf einem Album versammelt. Eva Jaguns musikalische Begleiter sind unter anderen Beba Zanetti am Piano und Manuel Zacek am Bass. Zacek ist auch an den meisten Kompositionen beteiligt. Daniel Topo Gioia ist natürlich dabei, der Jazztrompeter Florian Menzel, eine ganze Armada klassischer Streicher und jazzorientierter Bläser sowie verschiedene Backgroundsängerinnen und -sänger aus dem Musicalbereich.

Aber ganz abgesehen von all dem Gesagten und Gelobten, ist Eva Jaguns Album “Transatlântico” einfach hinreißend und wunderschön.

© Karsten Rube 2022 für Radio-Skala & Folkworld

Auf Radio Skala ist  Eva Jaguns Musik in den Sendungen Brasil , Womens Voices und im laufenden Tagesprogramm zu hören.

 
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