Frische Fische – Neuvorstellungen auf Radio-Skala im April 2023

Frische Fische im April 2023 - Neuvorstellungen auf Radio-Skala

Am Mittwoch, 19. April 2023 um 20:00 Uhr

Am Samstag, 22. April 2023 um 18:00 Uhr

Am Sonntag, 23. April 2023 um 11:00 Uhr

Stockholm Voices

Stockholm Voices "New Horizon"
Schweden 2023
11 Tracks; 48:41 min
www.stockholmvoices.com

Sie hören die Titel:

My Valentine
Paperback Writer

In der modernen Popmusik kommt man um die Kompositionen des Liverpooler Songwriters und Sängers Paul McCartney nicht herum. Er schrieb zahllose Titel von großer Popularität. Diese sind zweifellos zeitlos und in einhundert Jahren wahrscheinlich Weltkulturgut. Natürlich wagen sich immer wieder Künstler aus den unterschiedlichsten Genres daran, seine Songs zu interpretieren.
Das schwedische Gesangsquartett Stockholm Voices ließ sich für ihr aktuelles Album "New Horizon" von den Kompositionen Sir Paul McCartneys ebenfalls inspirieren. Die Damen Gunilla Törnfeld und Maria Winter, sowie die beiden Herren Alexander Lövmark und Jakob Sollevi besitzen wunderbar facettenreiche Stimmen. Bravourös singen sie mit bezaubernden Arrangements die Klassiker des Briten. Dabei erinnern ihre Interpretationen nicht zufällig an das legendäre Jazzquartett Manhattan Transfer. Die polyfonen Harmonien der vier Musiker überraschen mit Variationsreichtum und großer Bandbreite. Begleitet wird das Quartett von einem gut gelaunten Ensemble schwedischer Musiker aus dem Jazz- und Popbereich. So Klas Lindquist am Saxophon und Carl Bagge am Klavier. Die alten Beatlesklassiker und die Solokompositionen McCartneys werden von den Stockholm Voices auf ihrem Album "New Horizon" weit ins Jazzspektrum gerückt. So etwas ist immer ein Experiment. Bei den Stockholm Voices ein hervorragend gelungenes.

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Okra Playground

Okra Playground "Itku"
Finnland 2023

9 Tracks; 36:37 min
www.okraplayground.fi

Sie hören die Titel:

Ukkonen
Laula

Nichts Gegenwärtiges existiert ohne Vergangenes. In der Musik ist jede moderne Strömung ein Fortgang auf vergangenen Spuren. Die finnische Band Okra Playground baut auf dieser kulturhistorisch relevanten Aussage ihr drittes Album "Itku". "Weinen" übersetzt man das Wort aus dem Finnischen. Allerdings klingt die CD alles andere als verheult. Die Gruppe setzt auf alte Gesänge aus Karelien, jener östlichen Region Finnlands, deren kulturelle Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen. Sie arbeiten mit alten Instrumenten, wie der Kantele, einer Zitter und der Jouhikko, einer meist dreisaitigen, mit einem Bogen gestrichenen Leier. Andererseits ziehen sie alle Register moderner Musikproduktion, spielen mit Synthesizern, elektrischen Bässen und computergenerierten Soundrhythmen. Bestimmend in der Musik von Okra Playground ist der mehrstimmige Frauengesang, der mal lieblich einlullend klingt und sich dann wieder bis ins Furienhafte steigert. Eine Gesangsdarbietung, die mich an die erfolgreiche Zeit der karelischen Band Värtinnä erinnert, die zwischen 1990 und 2010 die finnische Folkmusik dominierte.
Die Band besteht aus Musikern, die in Finnland bereits gut bekannt sind. Allesamt haben sie an der Sibeliusakademie in Helsinki studiert. Maija Kauhanen ist eine gefragte Virtuosin auf der Kantele und eine wunderbare Sängerin. Päivi Hirvonen spielt Fiddle und singt ebenfalls. Die dritte Frauenstimme gehört Essi Muikku, die auch auf Finnlands traditionellem zitherartigen Nationalinstrument Kantele bewandert ist. Veikko Muikku brilliert nicht nur auf dem Akkordeon, sondern bedient außerdem die Synthesizer. Sami Kujala und Oskari Lehtonen ergänzen das Ensemble an Bass und Percussion.
Die Songs des Albums drehen sich um das "Weinen". Weinen in Not, wie in Freude. Texte, die von Verlust handeln, sind zu hören, aber auch von Licht und Schatten, von ewig währenden Tagen und noch länger andauernden Nächten im hohen Norden. Fröhlichkeit und Melancholie sind in der finnischen Mentalität keine gegensätzlichen Pole. Okra Playground loten diese emotionalen Spielweisen auf dem Album "Itku" meisterlich aus.

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Keiko Matsui

Keiko Matsui "Euphoria"
Japan 2023

12 Tracks; 58:29 min
www.keikomatsui.com/

Sie hören die Titel:

Steps on the Globe
Euphoria

Euphorie ist ein Hochgefühl, ein Empfinden von Leichtigkeit und Glückseligkeit. Die Welt ist plötzlich hell oder bunt. Viele Menschen können dieses Gefühl erfahren. Nach oder während einer außergewöhnlichen Leistung, bei einer befriedigenden Arbeit oder im Rausch. Künstler sind für Euphorie besonders anfällig. Die japanische Musikerin Keiko Matsui widmet diesem Gefühl nun ein eigenes Album. Ihr Dreißigstes Album übrigens. Die vor allem im Smooth Jazz bekannte Pianistin lotet auf „Euphoria“ die Stimmungen aus, die ihre Seele berühren. Beim Komponieren und Spielen ihrer Musik empfindet sie oft Euphorie, gibt sie zu. „Eine tiefe Freude aus dem Herzen, die die Seele berührt“. „Euphoria“ enthält zwölf emotional inspirierte Kompositionen, in denen sie neben ihren typischen sanften Klavieranschlägen auch afrikanische Rhythmen, spanische Gitarrenklänge, orientalische Flöten und elektronische Beats zum Klingen bringt. Das Album wirkt wie eine Reise durch verschiedene Kulturen und Stimmungen, die den Hörer in einen Zustand der Euphorie versetzen können. Manchmal lösen die Songs das Gefühl aus, einen Soundtrack zu einem Film zu hören, der einem vertraut vorkommt. Und das, obwohl der offensichtlich gar nicht gedreht wurde, sondern nur im Kopf abläuft.
Keiko Matsui hat sich für dieses Album mit einigen international renommierten Jazzmusikern zusammengetan. So mit dem Bassisten Richard Bona, und dem Schlagzeuger Vinnie Colaiuta. Der Saxophonist Kirk Whalum ist ebenfalls von der Partie und der Gitarrist Chuck Loeb. Gemeinsam haben sie ein Album geschaffen, das die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen Klassik und Jazz, zwischen Tradition und Moderne verschwimmen lässt. Keiko Matsuis Album „Euphoria“ gelingt es, beim Hörer genau das Gefühl auszulösen, aus dem heraus es geschaffen wurde.

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The Terri Green Project

The Terri Green Project "What a Feeling"
Deutschland 2019

13 Tracks; 55:41 min
https://terri-green.com/

Sie hören die Titel:

Night to Remember
The Look of Love

Terri Green's Album "What a Feeling" lässt die besten Seiten der Disco- & Funk-Ära neu aufleben. Wer sich dabei an Barry White und Donna Summer erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Mit feurigem Soul agiert die Stimme der Sängerin, die ihre Karriere von Deutschland aus in Fahrt bringt. Ihre Dancehits durchziehen fette Bläsersätze, Streichersequenzen und Basstunes, wie bei der legendären Band Chic. Sehr gelungen ist die Cover-Version des Burt Bacharach Titels "The Look of Love". Hier zeigt sie mit rauchiger Stimme, dass sie auch die langsamen Melodien beherrscht. Begleitet wird sie bei diesem Song von der britischen Cellistin Rebecca Brown, vom Comedy Duo Carrington-Brown. Die Titel begeistern mich durchgängig und auch, wenn ich mich fast immer an die Klassiker der Funk- & Soulzeit erinnert fühle, werde ich der Musik dieser Platte  doch keine Minute lang überdrüssig.

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Element of Crime

Element of Crime "Morgens um Vier"
Deutschland 2023


10 Tracks; 41:25 min
www.element-of-crime.de/

Sie hören die Titel:

Dann kommst Du wieder
Morgens um Vier

Nach dem ersten Querhören der CD "Morgens um vier" hatte ich eigentlich vor, mich dem Genörgel der abgeklärten Alles-schon-gehört-Fraktion anzuschließen. Aber ich dachte, lass mal und hör später noch mal rein. Und das war auch gut so. Denn die CD gewinnt mit jedem erneuten Anhören. Es ist - wieder einmal - ein Album geworden, das sich nicht dazu eignet die weinselige Weltverbesserungsdiskussion am Küchentisch der WG musikalisch korrekt zu untermalen, sondern durchaus Aufmerksamkeit erfahren darf.
Element auf Crime klingen auf dem neuen Album wie immer. Das ist eine verlässliche Konstante. Und manchmal benötigt man sie, die verlässlichen Konstanten. Sven Regener ist reifer geworden, ja, vielleicht auch alt. Werden wir alle mit ein bisschen Glück. Das lässt ihn aber noch lange nicht altersweise klingen, sondern tatsächlich immer noch hoffnungsvoll romantisch. Auch seine Band hat sich im Laufe der Jahre, die Erfahrung erarbeitet, auf die sie mit Spielfreude und Leichtigkeit zurückgreifen kann. "Morgens um vier" setzt auf bewährte Zutaten. Melancholische Romantik in Text und Musik. Element of Crime nutzt die bekannten Tricks der Harmoniebrüche. Die Melodien, fast zum Schunkeln einladend, präsentieren Mariachitrompeten. Und dann zerrupfen rotzige Gitarren den Moment. Auch schon mal gehört, aber immer wieder eine wohltuende Überraschung.
Die Texte sind nicht wortgewaltig, sondern plaudernd, unterhaltsam, gefüllt mit Alltagsphilosophie. Und kaum hat man den einen oder anderen verdreht zurecht gekneteten Satz der Lieder begriffen, trifft sie unvermittelt ins Herz, die altbackene Romantik des Sven Regener. Doch was bitte ist an ein bisschen Romantik überholt? Auch darf man sich mit etwas Kitsch und Mundharmonika eine bessere Welt erträumen, wie im Lied "Alles in Ordnung". Und wenn irgendwer das peinlich findet? Ach, egal.
Das Album wirkt, wie es der Titelsong verspricht. Wie der Moment, kurz vor der Morgendämmerung. Etwas übermüdet, aber auf gedämpfte Weise euphorisch.

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Natalie MacMaster

Natalie MacMaster "Canvas"
Kanada2023

13 Tracks; 47:23 min
https://natalieanddonnell.com/

Sie hören die Titel:

Wish you where near
Women of the House

Natalie MacMaster und Donnell Leahy sind schon seit Jahren ein Paar. Musikalisch erweist sich diese Partnerschaft als überaus fruchtbar. Das dritte Album der beiden kanadischen Geigenvirtuosen heißt "Canvas" und zeichnet ein mitreißendes musikalisches Bild der kanadischen Celtic-Folk-Musik. Die überwiegend eigenen Kompositionen besitzen einen treibenden und temporeichen Rhythmus. Die Bögen der beiden Musiker flitzen schwindelerregend schnell über die Saiten und gönnen sich nur in wenigen, ausgewählten Momenten eine Verschnaufpause. Natalie MacMaster konnte bei der Produktion der Platte auf die Mithilfe ausgezeichneter Gäste zurückgreifen. So auf die Banjospielerin und eindrucksvolle Sängerin Rhiannon Giddens, die bereits mit dem Grammy ausgezeichnet wurde. Außerdem erscheint als Gast der ebenfalls preisgekrönte Starcellist Yo-Yo Ma. Der irische Flötist Brian Finnegan ist mit von der Partie. Im Track "Dance Arnold Dance" hört man nicht nur das für Quebec so typische Steppgeräusch, sondern auch einen Bläsersatz, der bei La Bottine Souriante viel gelernt hat. Unter all den bemerkenswerten Songs des Albums sticht "Women of the House" am deutlichsten heraus. Hier kommen ein paar poporientierte Elemente vor, die sich mit der Cape Breton Fiddle von MacMaster verbinden und von der charismatischen Erscheinung Rhiannon Giddens geadelt werden. Songs, wie "So you love" bringen etwas dunkle Dramatik ins Album. "Galicia" ist ein Song zwischen europäischen Folk und Klassik. Polka, Country und gediegener Irish Folk kommen auf der CD ebenfalls nicht zu kurz. "Canvas" zeigt, dass Folkmusik auch 2023 noch in der Lage ist, mit frischen Überraschungen aufzuwarten.

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Be Ignacio

Bê Ignacio "Amazonia"
Brasilien/Deutschland 2023

10 Tracks; 36:34 min
https://www.bê.com/

Sie hören die Titel:

Pare de Falar
Roda Moinho

Bê Ignacio lebt abwechselnd in Brasilien und in Süddeutschland. Die Sängerin wurde in Sao Paulo als Tochter einer deutschen Mutter und eines afro-brasilianischen Vaters geboren. Obwohl sie beide Kulturen in sich trägt, lebt sie musikalisch doch weitgehend ihre brasilianische Seite aus. Ihr aktuelles Album "Amazonia" widmet sie dem Thema bedrohter Regenwald. Der Fokus der Songs des Albums liegt aber nicht auf das laute Suchen nach Schuld, wie es in der Gesellschaft allgegenwärtig ist. Vielmehr nimmt Bê Ignacio den Hörer mit auf eine emotionale, melodische Reise durch die grüne Lunge der Welt, lässt mit ihrer warmen Stimme und eigenwillig schönen Arrangements die Atmosphäre zwischen Fluss und Wald, lebendig werden. Die der Musica Popular Brasileira zuneigenden Songs werden mit Streichern und immer wieder auch mit einer Klarinette ergänzt. Das ist für die brasilianische Musik eher ungewöhnlich. Hier hört man sonst eher die Querflöte. Doch diese Instrumentenwahl ist eine wohltuende Bereicherung. Das gesamte Album "Amazonia" ist, trotz des Themas von einer versöhnlichen Stimmung erfüllt. Es macht auf die Reichhaltigkeit des Lebens in den Wäldern am Amazonas aufmerksam, huldigt der Schönheit und erzeugt gerade auf diese zurückhaltende Weise ein Empfinden dafür, wie groß der Verlust ist, den wir der Welt mit der Zerstörung dieses einmaligen Lebensraumes antun.

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© Karsten Rube für Radio-Skala & Folkworld.eu 2023
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